Typisch deutsch?

Es mag viel­leicht fünf­zehn Jah­re her sein, da war der Schü­ler­aus­tausch an den Ober­schu­len obli­ga­to­risch. Das Netz­kind reis­te sei­ner­zeit in die USA und wir konn­ten bei uns zuhau­se ein Mäd­chen aus Frank­reich begrü­ßen. Eines der ers­ten Merk­wür­dig­kei­ten war, dass die­ses Mäd­chen hin­ter jede Tür guck­te und ob unse­rer Ver­wun­de­rung in rudi­men­tä­ren Eng­lish nach einem Por­trait­bild Hit­lers frag­te, dass es hin­ter der Tür vermutete. 

Ich war völ­lig per­plex. Das Mäd­chen erzähl­te dann, dass ihre Eltern und Groß­el­tern ihr mit auf den Weg gege­ben hät­ten, dass die meis­ten Deut­schen noch heu­te Natio­nal­so­zia­lis­ten wären und man das gut am hin­ter der Tür ver­steck­te Por­trait­bild Adolf Hit­lers erken­nen könne. 

So irren vie­le Kli­schees offen­bar noch heu­te durch die Köp­fe nicht nur unse­rer euro­päi­schen Nachbarn. 

Aber wie ver­hält sich das nun wirk­lich mit den Kli­schees über Deutsch­land? Sind wir tat­säch­lich die pünkt­li­chen, flei­ßi­gen, Ord­nung – und sau­ber­keits­lie­ben­den, spar­sa­men, spie­ßi­gen, Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten in einer Excel-Lis­te ein­tra­gen­den Volk von fin­di­gen Maschi­nen­bau-Inge­nieu­ren? Ein Volk, das zum Lachen in den Kel­ler geht, um da gleich die Lieb­lings­spei­se in Form von Kar­tof­feln mit nach oben zu bringen? 

Ein genauer Blick zeigt ein differenziertes Bild.

Ori­en­tie­ren wir uns an der deut­schen Bahn, könn­te man durch­aus eine gewis­se Lais­sez-fai­re-Hal­tung dar­aus ablei­ten, zumin­dest was die Pünkt­lich­keit angeht. Im beruf­li­chen Kon­text ist Pünkt­lich­keit noch immer eine Tugend, wer zu spät kommt, kann das zumin­dest heu­te leicht mit einer SMS entschuldigen. 

Auch das Ver­ständ­nis vom flei­ßi­gen Deut­schen hat sich ver­scho­ben: Galt noch vor ein paar Jah­ren die rei­ne Anwe­sen­heit als Fleiß, so inter­pre­tie­ren eini­ge Unter­neh­mer das heu­te rich­ti­ger­wei­se eher als Inef­fi­zi­enz und man­geln­den Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Die um 11.00 Uhr abends abge­sen­de­te E‑Mail mit CC an den Chef, gilt als ser­vi­les Ver­hal­ten, nicht als Fleiß.

Beim The­ma Ord­nungs­sinn zeigt sich heu­te unter ande­rem im Bereich der Müll­tren­nung und im hohen Stel­len­wert von Nor­men und Zer­ti­fi­zie­run­gen, etwa im Umwelt- und Qua­li­täts­ma­nage­ment. Deutsch­land gilt im inter­na­tio­na­len Ver­gleich als Land mit einer ver­gleichs­wei­se hoch ent­wi­ckel­ten Recy­cling- und Rege­lungs­kul­tur, wobei sich damit kaum eine Ord­nungs­lie­be des Ein­zel­nen able­sen lässt. All­ge­mein dürf­te die Ord­nungs­lie­be immer noch tief in der deut­schen Kul­tur ver­an­kert sein.

In der inter­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung wird deut­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on im Ver­gleich etwa zu US-ame­ri­ka­ni­scher häu­fig als sach­be­zo­ge­ner und direk­ter beschrie­ben, mit gerin­ge­rer Beto­nung von Höf­lich­keits­flos­keln bei nega­ti­ver Rück­mel­dung. Die­se Direkt­heit wird in moder­nen Arbeits­kon­tex­ten oft als »kon­struk­ti­ves Feed­back« bezeich­net. Small­talk ist uns zwar nicht fremd, erreicht aber bei wei­ten nicht die Aus­prä­gung wie z.B. in den USA. 

Deut­sche Haus­hal­te gel­ten im euro­päi­schen Ver­gleich tra­di­tio­nell als spar­n­ei­gend, mit ver­gleichs­wei­se hoher Spar­quo­te und einem Hang zu sicher­heits­ori­en­tier­ten Anla­ge­for­men wie Fest­geld oder Ver­si­che­rungs­pro­duk­te gegen­über risi­ko­rei­che­ren Akti­en­an­la­gen. Das Spar­buch dürf­te aller­dings auf­grund von Nega­tiv­zin­sen bei den meis­ten Deut­schen nicht mehr gefragt sein. Jeder fünf­te Deut­sche inves­tiert sein Geld heu­te an der Bör­se. Die höchs­te Betei­li­gungs­quo­te inner­halb einer Alters­grup­pe sind dabei die 50–59jährigen.

Das stärks­te Wachs­tum und inzwi­schen größ­te Grup­pe sind aller­dings die Unter-40-Jäh­ri­ge. Das Fazit dar­aus ist wohl, dass die typisch deut­schen Tugen­den nicht ver­schwun­den sind, sich aber in ihrer Aus­prä­gung ver­än­dert haben. 

Eine Aus­nah­me bil­det die Pünkt­lich­keit im Bahn­ver­kehr, die sich anhand der Betriebs­da­ten nach­weis­bar ver­schlech­tert hat. Bei den übri­gen Berei­chen han­delt es sich eher um eine Ver­schie­bung der Aus­drucks­form als um einen beleg­ba­ren Bedeutungsverlust. 

Von einem Schwund deut­scher Tugen­den kann also nicht die Rede sein, ein­zig die Anpas­sung an heu­ti­ge Ver­hält­nis­se kann beob­ach­tet wer­den. Für alles ande­re scheint die gene­ti­sche Prä­gung, wenn man das so bezeich­nen will, dann doch zu stark zu sein. 😊

Die nächste Rentenkürzung

Wenn wir uns die Ren­ten­vor­schlä­ge der Ren­ten­kom­mis­si­on näher anschau­en, muss man fest­stel­len, dass der Begriff Reform ein Euphe­mis­mus dafür ist, die Ren­ten nach­hal­tig zu kür­zen – bes­ten­falls ohne dass es groß auf­fällt. Gelun­gen ist das bereits im Jahr 2025, näm­lich mit der Anhe­bung des Jah­res­ver­diens­tes auf nun­mehr 51.944 € (Durch­schnitts­ent­gelt 2026)Euro für einen!Rentenpunkt.

Ein wei­te­rer Coup der Bun­des­re­gie­rung könn­te das Aus­set­zen der Hal­te­li­nie von 48 Pro­zent sein. Wobei die­se Rechen­grö­ße zwar als Siche­rungs­ni­veau vor Steu­ern gilt, jedoch wenig über die indi­vi­du­el­le Ren­te aus­sagt. Die­se Kenn­zahl ver­gleicht die Stan­dard­ren­te schlicht­weg mit dem Durch­schnitts­ent­gelt der Bevöl­ke­rung. Aller­dings – ist die­se »Hal­te­li­nie« erst geris­sen, lässt sich spä­ter leich­ter ein nied­ri­ge­res Ren­ten­ni­veau argumentieren. 

Der nächs­te Plan der Bun­des­re­gie­rung zur Ren­ten­kür­zung ist der per­fi­des­te. Es wer­den näm­lich offen­sicht­lich kei­ne Ren­ten gekürzt, ganz im Gegen­teil. Rent­ner und Rent­ne­rin­nen bekom­men jedes Jahr ihren Teil an »Ren­ten­er­hö­hung« dazu. Trotz­dem sum­miert sich die Ren­ten­kür­zung schnell auf ein paar tau­send Euro, bzw. monat­lich auf eini­ge hun­dert Euro. Wie das? Ganz ein­fach. Geplant ist die Abkop­pe­lung der Ren­ten von den Lohn­stei­ge­run­gen. Um nun nicht gleich die gesamt im Ruhe­stand befind­li­che Bevöl­ke­rung auf­zu­wie­geln, ver­spricht man »selbst­ver­ständ­lich » die jähr­li­che Infla­ti­ons­ra­te mit einer ent­spre­chen­den Erhö­hung der Bezü­ge auszugleichen. 

Klingt gut, oder?
Die selbst­ge­fäl­li­ge Täu­schung fängt da an, wo nie­mand nach­rech­net, was es denn eigent­lich heißt, wenn die Ren­ten von der Lohn­ent­wick­lung abge­kop­pelt werden. 

Für sowas ist ja die KI gut zu gebrau­chen und so habe ich Clau­de beauf­tragt, ein anschau­li­ches Modell auf­zu­zei­gen, das die Ren­ten­ent­wick­lung eines Durch­schnitts­rent­ners über 10 Jah­re bei einer Kopp­lung an die Infla­ti­ons­ra­te im Ver­gleich zur aktu­el­len Lohn­ent­wick­lung simu­liert. Die Eck­da­ten waren eine Real­lohn­stei­ge­rung von 3 % und eine durch­schnitt­li­che Infla­ti­on von 2,5 %. Außer­dem soll­te Clau­de die resul­tie­ren­de Kauf­kraft­dif­fe­renz und den kumu­lier­ten Unter­schied im Ren­ten­vo­lu­men auf­zei­gen, um die Aus­wir­kun­gen auf das indi­vi­du­el­le Ein­kom­mens­ni­veau sicht­bar zu machen. 

Das Ergeb­nis:

Die Plä­ne der Ren­ten­kom­mis­si­on sind also nichts wei­ter, als ein wei­te­re, mas­si­ve Ren­ten­kür­zung. Mit Refor­men hat das jeden­falls nichts zu tun, eher schon mit einer Aus­wei­tung der Alters­ar­mut.

Serientipp — Godless

Die sie­ben­tei­li­ge Net­flix-Mini­se­rie God­less ist ein düs­te­rer, visu­ell star­ker Spät-Wes­tern und lässt sich eigent­lich in einem Satz cha­rak­te­ri­sie­ren: Gro­ßes Kino!

Dabei weicht der Wes­tern eigent­lich gar nicht so viel von dem typi­schen Wes­tern­gen­re ab: Ein Held – eine stau­bi­ge Stadt – die ver­ruch­te Bar insi­de – Kon­flik­te, die mit dem Colt gelöst wer­den – ein­sa­me Wit­we – Schluss­akt: der Held rei­tet in den Sonnenuntergang. 

Dass man God­less trotz aller Kli­schees zu den her­aus­ra­gen­den Wes­tern zäh­len soll­te, liegt an dem Dreh­buch­au­tor, Scott Frank. Der Autor, Regis­seur und Film­pro­du­zent gehört seit den 1990er-Jah­ren zu den ver­sier­tes­ten und ange­se­hens­ten Dreh­buch­au­to­ren Hol­ly­woods. Vor allen die extrem prä­zi­sen Dia­lo­ge, die star­ken Cha­rak­ter­zeich­nung und straf­fe Span­nungs­bö­gen, die sich trotz minu­ten­lan­ger aus­ge­dehn­ter Sze­nen über die gan­ze Serie ziehen. 

Im Jahr 1884 zieht der gna­den­lo­se Ban­de-Anfüh­rer Frank Grif­fin (Jeff Dani­els) mit sei­nen Gefolgs­leu­ten eine blu­ti­ge Spur durch New Mexi­co. Er ist auf der Jagd nach sei­nem eins­ti­gen Zieh­sohn und Schütz­ling Roy Goo­de (Jack O’Connell). Roy hat sich nach einem bru­tal aus dem Ruder gelau­fe­nen Zug­über­fall gegen ihn gewandt, die Beu­te ein­ge­steckt und ist geflo­hen. Grif­fin schwört Rache und kün­digt an, jede Stadt dem Erd­bo­den gleich­zu­ma­chen, die Roy Zuflucht gewährt.

Der ver­letz­te Roy lan­det auf der ent­le­ge­nen Pfer­de­ranch der Wit­we Ali­ce Flet­cher (Michel­le Dockery). Ali­ce ist inner­halb der nahe­ge­le­ge­nen Minen­stadt La Bel­le eine Außenseiterin.

La Bel­le ist kein gewöhn­li­ches Nest. Nach einem ver­hee­ren­den Gru­ben­un­glück, bei dem fast alle Män­ner der Stadt auf einen Schlag ums Leben kamen, wird der Ort fast aus­schließ­lich von Frau­en regiert und zusammengehalten. 

Wäh­rend Roy auf der Ranch hilft und ver­sucht, sei­ne Ver­gan­gen­heit hin­ter sich zu las­sen, kommt ihm der pseu­do­re­li­giö­se Zieh­va­ter Frank Grif­fin immer näher. Als klar wird, dass ein Auf­ein­an­der­tref­fen unver­meid­bar ist, rüs­ten sich die Frau­en von La Bel­le für den ent­schei­den­den Showdown.
Auch wenn der Rah­men der für die­se Zeit aus der Not her­aus selbst­stän­di­gen Frau­en in La Bel­le des Spät­wes­tern nach einem bil­li­gen Hol­ly­wood-Kniff klingt, wirkt die Dyna­mik der Frau­en in La Bel­le erstaun­lich geer­det, rau und glaubwürdig.

Jeff Dani­els als Zieh­va­ter und selbst­er­nann­ter Pre­di­ger mit Hang zu kom­pro­miss­lo­ser Gewalt, gibt einen sehens­wer­ten, unbe­re­chen­ba­ren, pseu­do-reli­giö­sen Sozio­pa­then ab.

Die Serie war geplant als drei Stun­den Film, die teil­wei­se lang­an­hal­ten­den Sze­n­en­ein­stel­lun­gen tun dem Film kei­nen Abbruch, im Gegen­teil. Es ist eine abge­schlos­se­ne Mini­se­rie ohne unnö­ti­gen Bal­last – her­vor­ra­gend gefilmt, erzäh­le­risch ruhig auf­ge­baut, mün­det aber in ein ver­dammt packen­des Finale. 

Präsident Midas

Der Legen­de nach soll der Herr­scher von Phry­gien (heu­ti­ge Tür­kei), des­sen haupt­säch­li­che Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten Gier und Dumm­heit waren, die Fähig­keit beses­sen haben, dass sich alles, was er anfasst, in Gold verwandelt.

König Midas soll damit sei­ne eige­ne Toch­ter ver­se­hent­lich in Gold ver­wan­delt haben. Um nicht zu ver­hun­gern und zu ver­durs­ten, da sich alles Ess- und Trink­ba­re in sei­nen Hän­den eben­falls zu Gold ver­wan­del­te, bat Midas den Wein­gott Dio­ny­sos, ihn von die­sem Fluch zu befrei­en, was die­ser letzt­end­lich auch tat. 

Nun, einen ähn­li­chen Midas nennt die USA ihren Prä­si­den­ten, auch er ver­mag alle mög­li­chen Din­ge in Gold zu ver­wan­deln, wenn auch nicht mit Hand­auf­le­gen, son­dern mit Interessenkonflikten.

Neu­es­tes Gau­ner­stück: Trump möch­te zah­lungs­wil­li­gen Lesern sei­ne Social Media Posts exklu­siv ver­kau­fen. Nun könn­te man ja geneigt sein zu glau­ben, dass das Geschreib­sel eines US- Prä­si­den­ten auf sei­ner eige­nen Social Media Platt­form Truth Social nicht wirk­lich inter­es­sant ist. Das mag stim­men, aller­dings hat der mäch­tigs­te Mann der Welt lei­der auch die Macht, Din­ge zu tun, die sich kurz­fris­tig in den Akti­en­kur­sen an der Bör­se niederschlagen. 

Bei­spie­le gefällig?

  1. 2. April 2025: Trump ver­hängt umfas­sen­de Zöl­le, Märk­te bre­chen ein.
  2. 8. April 2025: Trump kauft 327 Ein­zel­ak­ti­en (u.a. Apple, Micro­soft, Nvi­dia, Ama­zon, Alpha­bet) im Wert von bis zu 12,8 Mio. Dollar.
  3. 9. April 2025, 9:37 Uhr: Truth-Social-Post “THIS IS A GREAT TIME TO BUY!!!”
  4. Vier Stun­den spä­ter: 90-Tage-Zoll­pau­se verkündet.
  5. Ergeb­nis: S&P 500 +9,52 %, Dow +7,87 %, Nasdaq +12,16 % – einer der größ­ten Tages­ge­win­ne seit dem Zwei­ten Weltkrieg.

(Quel­le: Zusam­men­stel­lung durch KI)

Die­se Abfol­ge lässt sich inzwi­schen bele­gen: Sie stammt aus der 2026 ver­öf­fent­lich­ten Ver­mö­gens­of­fen­le­gung des Prä­si­den­ten, aus­ge­wer­tet von CNBC. Bemer­kens­wert am Ran­de: Die Trades wur­den erst mehr als ein Jahr nach der gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen 45-Tage-Frist offengelegt.

Der Coup des US-Prä­si­den­ten: Sei­ne Medi­en­fir­ma ver­kauft jetzt beschleu­nig­ten, kos­ten­pflich­ti­gen Zugang zu genau sol­chen Truth-Social-Posts. Auch Start ist für den 1. August 2026 ange­kün­digt, laut Berich­ten soll der Zugang bis zu 100.000 Dol­lar im Monat kos­ten. Ver­kauft wird nicht exklu­si­ver Inhalt, son­dern zeit­li­cher Vor­sprung – Mil­li­se­kun­den frü­he­rer Zugriff auf markt­be­we­gen­de Posts, offi­zi­ell nicht nament­lich auf Trumps eige­nes Kon­to beschränkt, aber nahe­lie­gend gemeint.

Für Bro­ker ist so ein »Exklu­siv­recht« zu den Aus­sa­gen von Trump also bares Geld wert, auch wenn erst ein­mal der Prä­si­dent dar­an ver­dient. Es darf aber bezwei­felt wer­den, dass es auf die­sem bezahl­ten Kanal ein­zig um bör­sen­re­le­van­te Infor­ma­tio­nen geht. 

Ver­mut­lich wird Eigen­lob in den Tex­ten des »bes­ten Prä­si­den­ten, den die USA je hat­te«, einen nicht uner­heb­li­chen Anteil haben. 

Wahr & Unwahr

Wahr ist, dass sich Jens Spahn ein Baby per Leih­mut­ter­schaft in den USA gekauft hat. 

Wahr ist auch, dass sich Spahn noch vor ein paar Mona­ten gegen eine Legi­ti­mie­rung von Leih­mut­ter­schaf­ten stark gemacht hat.

Unwahr Wahr ist, dass er vom Kanz­ler für die nächs­ten 18 Jah­re in Eltern­zeit geschickt wird.

Wahr ist eben­fals, dass Jens Spahn womög­lich der best­be­zahl­tes­te Haus­mann in der Bun­des­re­pu­blik ist.

Unwahr ist, dass Spahn mit der geziel­ten Bekannt­ga­be der Leih­mut­ter­schaft in der nach­rich­ten­ar­men Zeit den Plan ver­folgt hät­te, den Bun­des­kanz­ler zu Fall bringen. 

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Wahr ist, dass ca. 40 Pro­zent der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler am 6. Sep­tem­ber bei den Bun­des­tags­wah­len der AFD ihre Stim­me geben wollen.

Wahr ist auch, dass es ein 100 Tage Sofort­pro­gramm der AFD zur Umset­zung rechts­na­tio­na­ler The­men gibt.

Unwahr ist, dass dem mor­gend­li­chen Fah­nen­a­pell das Ritu­al »In-Zwei­er­rei­he-Antre­ten«, »Mel­dung-Machen«, »Hit­lerHöcke­gruß« und »Fah­nen­ap­pell unter Beglei­tung des Sin­gens natio­na­len Lied­guts« fol­gen soll. 

Schöne neue Diktatur

Bei den Land­tags­wah­len in Sach­sen-Anhalt am 6. Sep­tem­ber deu­tet sich eine kom­for­ta­ble Mehr­heit für die AfD an – und damit die Aus­sicht auf die ers­te rechts­extre­me Lan­des­re­gie­rung in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik seit 1945.

Man ver­lor im fer­nen Mag­de­burg auch kei­ne Zeit und leg­te umge­hend ein soge­nann­tes »10-Punk­te-Pro­gramm« für die ers­ten ein­hun­dert Tage vor. Dass die­se Maß­nah­men mit reich­lich Pathos insze­niert wer­den, über­rascht kaum. Schließ­lich geht es der Par­tei im Kern sel­ten um prag­ma­ti­sche Ver­bes­se­run­gen, son­dern viel­mehr um eine ideo­lo­gi­sche »Umer­zie­hung« der Bevöl­ke­rung – hin zu einer natio­nal­kon­ser­va­ti­ven, alt­ba­cke­nen Rührseligkeit.

Bemer­kens­wert ist dabei, dass die AfD inzwi­schen nicht ein­mal mehr davor zurück­schreckt, die eins­ti­ge sozia­lis­ti­sche Dik­ta­tur, vul­go den Über­wa­chungs­staat DDR, für ihre eige­nen pro­pa­gan­dis­ti­schen Zwe­cke ein­zu­span­nen. Björn Höcke ent­blö­det sich tat­säch­lich nicht, mit dem popu­lis­ti­schen Stan­dard-Satz »Das hät­te es in der DDR nicht gege­ben« Stim­mung zu machen.

Wie dem auch sei: Das 10-Punk­te-Pro­gramm spricht Bän­de. Es offen­bart nicht nur eine tie­fe Rück­wärts­ge­wandt­heit, son­dern zeugt vor allem von einer latent into­le­ran­ten Denk­wei­se und trieft vor alber­ner Deutschtümelei. 

Der Kata­log lis­tet unter ande­rem For­de­run­gen auf wie die dras­ti­sche Strei­chung von Gel­dern für par­tei­na­he Stif­tun­gen sowie für ver­schie­de­ne Pro­gram­me im Bereich der Demo­kra­tie­för­de­rung. Hin­zu kommt die obli­ga­to­ri­sche Beflag­gung von Schu­len mit der Bun­des­flag­ge sowie eine neue Lan­des­kam­pa­gne: Aus der bis­he­ri­gen Initia­ti­ve »#modern­den­ken« soll kur­zer­hand »#deutsch­den­ken« wer­den – was auch immer das kon­kret bedeu­ten mag.
Abge­run­det wird das Paket durch die Kün­di­gung des Rund­funk­staats­ver­trags, flä­chen­de­cken­de Arbeits­pflich­ten für Asyl­be­wer­ber und – wenig über­ra­schend– wei­te­ren und mehr Abschiebungen.

Bei genaue­rer Betrach­tung ist das Gan­ze ein poli­ti­sches Blend­werk. Etli­che der Punk­te dürf­ten schon an den recht­li­chen Hür­den des föde­ra­len Sys­tems oder des Grund­ge­set­zes schei­tern. Ande­re ent­zie­hen sich schlicht jed­we­der Logik. Der Rest ist rei­ne, laut­star­ke Sym­bol- und Iden­ti­täts­po­li­tik für die eige­ne Wählerschaft.

Am Ende ent­puppt sich das voll­mun­di­ge 100-Tage-Pro­gramm vor allem als eines: ein rück­wärts­ge­wand­tes Dreh­buch für den sys­te­ma­ti­schen Abbau demo­kra­ti­scher Struk­tu­ren, ver­packt in das sen­ti­men­ta­le Gewand einer ver­meint­lich bes­se­ren Vergangenheit. 

Wer die DDR-Dik­ta­tur bemü­hen muss, um eine auto­ri­tä­re Zukunft zu legi­ti­mie­ren, hat das Prin­zip der Frei­heit ohne­hin nie verstanden.

Man darf gespannt sein, wie viel Rea­li­tät die­ses Ideo­lo­gie ver­trägt – oder am Ende den Machern ob der eige­nen Macht­be­sof­fen­heit um die Ohren fliegt. 

Plaudern aus dem Nähkästchen

Wenn der Frust in den poli­ti­schen Rei­hen das erträg­li­che Maß über­steigt, grei­fen Man­dats­trä­ger ger­ne zum bewähr­ten Instru­ment der anony­men Medi­en-Durch­ste­che­rei. Vor­zugs­wei­se geschieht dies bei geplan­ten Geset­zen, um Vor­ha­ben ent­we­der kom­plett zu tor­pe­die­ren oder schlicht das gesell­schaft­li­che Echo zu testen. 

Wenn sich Mit­glie­der einer Regie­rungs­par­tei dann noch an den SPIEGEL wen­den, um deut­li­che Kri­tik am Bun­des­kanz­ler durch­zu­ste­chen, dann muss schon mäch­tig was im Argen sein. 

Laut aktu­el­len Insi­der­be­rich­ten gehen die eige­nen Leu­te inzwi­schen so weit, den Kanz­ler bei essen­zi­el­len Ent­schei­dun­gen schlicht­weg zu umge­hen. Die Auto­ri­tät von Merz ist ange­kratzt, kei­ne Fra­ge. Zu oft ist er mit lee­ren Ver­spre­chen laut­hals vor­ge­prescht, um dann klein­laut zurück zu rudern. 

Dahin­ter steckt ein klas­si­sches Phä­no­men der poli­ti­schen Eli­te – der schlei­chen­de Ver­lust der Boden­haf­tung durch chro­ni­sche Selbst­über­schät­zung. Wer sich dau­er­haft auf Augen­hö­he mit den Mäch­ti­gen die­ser Welt wähnt, ver­wech­selt Füh­rung schnell mit abso­lu­tem Gehor­sam. Insi­dern zufol­ge agiert Merz wie ein auto­ri­tä­rer CEO, der sei­ne Gefolg­schaft stramm­ste­hen lässt. Das sorgt vor allem bei den Minis­ter­prä­si­den­ten für erheb­li­chen Unmut: Die mäch­ti­gen Län­der­chefs zei­gen sich zuneh­mend genervt davon, von ihm wie »Fili­al­lei­ter aus der Pro­vinz« im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, abge­kan­zelt zu werden.

Dass Merz zudem mit einer aus­ge­präg­ten Dünn­häu­tig­keit behaf­tet ist, durf­te die Öffent­lich­keit bereits bei diver­sen Talk­show-Auf­trit­ten vor sei­nem Amts­an­tritt bewundern. 

Inzwi­schen regt sich der Unmut jedoch spür­bar in den eige­nen Rei­hen. Die Kri­tik der Par­tei­kol­le­gen erschöpft sich längst nicht mehr nur in sei­nem pol­tern­den Auf­tre­ten. Aus den Krei­sen ein­fluss­rei­cher CDU-Strip­pen­zie­her heißt es unge­schminkt, der Chef glän­ze des Öfte­ren durch man­gel­haf­te Vor­be­rei­tung, stra­pa­zie­re die Ner­ven der Anwe­sen­den mit lang­at­mi­gen außen­po­li­ti­schen Vor­trä­gen und nei­ge dazu, struk­tu­rier­te Pro­zes­se im Cha­os ver­sin­ken zu las­sen. Die­se inter­nen Que­re­len blei­ben nicht ohne Fol­gen für das par­tei­in­ter­ne Gefü­ge. Die Macht­ba­sis des Vor­sit­zen­den brö­ckelt merk­lich, wäh­rend sich das poli­ti­sche Gewicht immer wei­ter in Rich­tung der Bun­des­tags­frak­ti­on verschiebt. 

Ein Umstand, der dem Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den durch­aus recht sein kann, spä­tes­tens seit der ver­pat­zen 1000 Euro Prä­mie im Mai platzt Spahn nach Infor­ma­tio­nen eini­ger Insi­der fast vor Selbstbewusstsein. 

Letzt­end­lich hat Frak­ti­ons­chef Jens Spahn aus sei­nen eige­nen Ambi­tio­nen auf das Kanz­ler­amt noch nie einen Hehl gemacht.

SPIEGEL 29/2026: € Fried­rich Merz. Der abge­mel­de­te Kanzler

Iran – wem nutzt der Konflikt?

Krie­ge fol­gen meis­tens einer recht simp­len, wenn auch düs­te­ren Logik: Ein Staat will das, was ein ande­rer hat – Res­sour­cen, Ter­ri­to­ri­en oder gleich das gan­ze Paket. Beim US-Prä­si­den­ten und sei­nem aktu­el­len neu­en Schlag gegen den Iran gerät die­se Logik aller­dings ins Wan­ken. Sicher, ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­den­ten haben schon immer ganz ger­ne mal einen Kon­flikt vom Zaun gebro­chen, wenn die hei­mi­schen Umfra­ge­wer­te im Kel­ler waren. Doch im Fall des Irans hat Trump unterm Strich, wie bereits vor eini­gen Mona­ten, wohl deut­lich mehr zu ver­lie­ren als zu gewinnen.

Klar, das kurz­fris­ti­ge Kal­kül zieht im eige­nen Lager. Für die kon­ser­va­ti­ven Hard­li­ner kommt der Kon­flikt wie geru­fen, um den Iran mili­tä­risch und poli­tisch dau­er­haft zu stut­zen. Das bedient per­fekt Trumps Lieb­lings­nar­ra­tiv vom star­ken Anfüh­rer, der »Ter­ror­fi­nan­zie­rer« und Geg­ner Isra­els ohne Zögern in die Schran­ken weist.

Die Rea­li­tät holt den Prä­si­den­ten aller­dings recht schnell an der Zapf­säu­le ein. Explo­die­ren­de Öl- und Ben­zin­prei­se tref­fen den ame­ri­ka­ni­schen Ver­brau­cher näm­lich genau wie alle andern auch. Für Trumps Wäh­ler ist der Sprit­preis an den Tank­stel­len Indi­ka­tor für eine schlech­te oder gute Regie­rung. Trump muss also den Spa­gat schaf­fen, gleich­zei­tig den star­ken Mann zu mar­kie­ren und irgend­wie die Prei­se zu drücken.

Nicht zuletzt wür­de ein »Infla­ti­ons­schock«, aus­ge­löst durch neue mili­tä­ri­sche Eska­la­tio­nen, der US-Wirt­schaft mas­siv zuset­zen. Wenn die Ener­gie­prei­se durch die Decke gehen, lei­det die glo­ba­le Wirt­schaft – und damit ganz auto­ma­tisch die USA und das ohne­hin ange­kratz­te inter­na­tio­na­le Anse­hen ihres Prä­si­den­ten. Trump spielt hier also wie­der ein­mal mit dem Feuer.

Mili­tä­risch mag ein Schlag den Iran schwä­chen, aber das Risi­ko einer unkon­trol­lier­ten Eska­la­ti­on steigt gewal­tig. Zudem ver­liert die USA damit das letz­te biss­chen Glaub­wür­dig­keit als bere­chen­ba­rer Part­ner. Gewin­ner bei die­sem Spiel sind Mos­kau und Peking.

Chi­na bei­spiels­wei­se pflegt sei­ne Kon­tak­te nach Tehe­ran ohne­hin recht unge­niert. Seit eini­gen Jah­ren tarnt man das dort als »umfas­sen­de stra­te­gi­sche Part­ner­schaft für Ange­le­gen­hei­ten von Wirt­schafts­si­cher­heit und tech­no­lo­gi­scher Koope­ra­ti­on«. Auf gut Deutsch: Wäh­rend der Rest der Welt sich an Sank­tio­nen abar­bei­tet, sichert sich Chi­na im Iran wei­ter­hin den Zugriff auf Rohstoffe. 

Ja, die kurz­fris­ti­gen Erfol­ge sind da – Applaus von der repu­bli­ka­ni­schen Basis, Rücken­wind für Tei­le der hei­mi­schen Ener­gie­bran­che und ein ange­schla­ge­ner Geg­ner im Nahen Osten. Aber dem gegen­über steht eine ziem­lich saf­ti­ge Rech­nung: hef­ti­ger Infla­ti­ons­druck, das Risi­ko eines Flä­chen­brands und eine struk­tu­rel­le Stär­kung von Riva­len wie Chi­na und Russ­land. Ob sich die­ser »Deal« für Trump am Ende wirk­lich aus­zahlt, darf bezwei­felt werden.