Seegang und Wassertemperatur an Nord- und Ostsee

Es gibt eine Schnittstelle, die zu jedem Punkt der Erde eine Wellenhöhe ausspuckt. Tippt man „Kiel“ ein, kommt eine Zahl. Sie sieht vertrauenswürdig aus, sie hat eine Einheit, sie ändert sich stündlich — und sie gehört nicht zu Kiel. Die Gitterzelle, auf die Kiel fällt, kennt gar keinen Seegang; die Schnittstelle sucht sich dann stillschweigend eine Zelle draußen auf dem Meer und antwortet mit deren Wellen. Diese Seite zeigt Wellenhöhe, Periode, Richtung und Wassertemperatur im Verlauf — und sie sagt bei jedem Ort als Erstes, ob er überhaupt auf See liegt.

Vier Fälle zum Vergleichen:

Der Befund, den man selbst nachprüfen kann

Die Schnittstelle kennt einen Schalter namens cell_selection. Für Meeresdaten steht er in der Vorgabe auf sea: „Such dir eine Zelle auf See.“ Stellt man ihn auf nearest, bekommt man die Zelle, auf die der Punkt wirklich fällt. Der Unterschied ist der ganze Punkt. Am 01.08.2026 gemessen, jeweils die Wellenhöhe der ersten Stunde:

Der gefährliche Fall ist also nicht das Binnenland, sondern die Küste. Wer in Berlin nach Wellen fragt, merkt sofort, dass da nichts ist. Wer in Kiel fragt, bekommt eine plausible kleine Zahl — und keinen Hinweis darauf, dass sie von einer Zelle stammt, die an der Karte nachgemessen rund 18 km weiter draußen liegt.

Und es hört nicht bei Landpunkten auf: Warnemünde liegt selbst auf einer Seezelle, die am selben Tag 0,14 m meldete. Die Vorgabe-Abfrage gab trotzdem 0,38 m zurück — Faktor 2,7 —, weil sie die küstennahe Zelle zugunsten einer offeneren übergeht. Deshalb fragt diese Seite die Reihe immer zuerst mit cell_selection=nearest ab und weicht nur dann aus, wenn die eigene Zelle wirklich nichts hergibt — dann aber mit Ansage im Kasten oben.

Ein vierter Fall ließe sich nicht erraten: Husum und Flensburg bekommen eine Wassertemperatur, aber keinen Seegang. Das ist kein Widerspruch. Die Wellen kommen aus einem Wellenmodell, die Wassertemperatur aus einem Strömungsmodell, und das deckt Wattenmeer, Förden und Haffe mit ab, die das Wellenmodell nicht rechnet. Die Karte oben zeigt beide Abdeckungen getrennt.

Warum die gemeldete Koordinate den Ausweichschritt nicht verrät

Naheliegender Gedanke: Wenn die Schnittstelle aufs Meer ausweicht, muss sie doch eine andere Koordinate zurückmelden. Tut sie nicht zuverlässig. Für Greifswald meldet die Antwort in beiden Zellwahlen dieselbe Koordinate 54,1250080° N / 13,3750150° O — liefert dabei einmal keinen Wert und einmal 0,10 m. Bei Husum dasselbe. Das mitgelieferte Feld elevation steht dort auf 4 bzw. 10 Metern, ist also eine Landhöhe: Die gemeldete Koordinate stammt aus dem Geländemodell, nicht aus dem Wellengitter.

Deshalb nennt diese Seite die gemeldete Koordinate zwar, benutzt sie aber nicht als Nachweis. Die Entfernung zur nächsten Zelle mit Seegang misst sie selbst aus — an der Abdeckungskarte, die sie zeichnet, Zelle für Zelle mit cell_selection=nearest abgefragt. Und sie macht die Gegenprobe: Stimmt der angezeigte Wert mit dem dieser Zelle überein? Wenn ja, ist der Ausweichschritt belegt. Wenn nein, steht das genauso da.

Das Gitter ist 1/12 Grad = 0,08333° groß, an der deutschen Küste also rund 9,3 km hoch und 5,4 km breit. Diese Zahl ist nicht abgeschrieben, sondern gemessen: Ein Scan in 0,01°-Schritten zeigt Zellzentren bei 7,45834°, 7,54167°, 7,62502° … in der Länge und 54,04166°, 54,12501°, 54,20834° … in der Breite. Sie deckt sich mit der Angabe von Open-Meteo für das Wellenmodell MFWAM (0,08°).

Signifikante Wellenhöhe — und die Welle, die höher ist

Die Zahl in Metern ist nicht die Höhe „der“ Welle. Sie ist die signifikante Wellenhöhe. Der Deutsche Wetterdienst definiert sie in seinem Glossar als „mittlere Höhe des höheren Drittels aller in einem Seegebiet (z. B. 10x10km) und in einem repräsentativen Zeitraum (z. B. 20 Minuten, unter der Annahme stationärer Verhältnisse) vorkommenden Wellen“. Die kleineren zwei Drittel werden also weggelassen, bevor gemittelt wird.

Und der Satz, auf den es ankommt, steht direkt daneben im selben Eintrag: „Einzelwellen können theoretisch (aber recht selten) die doppelte Höhe oder mehr erreichen.“ Wer aus „1,2 m“ schließt, dass keine Welle höher als 1,2 Meter kommt, liest die Zahl falsch herum. Quelle: DWD-Wetterlexikon, „Signifikante Wellenhöhe“.

In dieses Bild gehört auch, warum Windsee und Dünung sich nicht addieren lassen. Windsee ist der Seegang, den der Wind an Ort und Stelle gerade aufwirft; Dünung sind Wellen, die von woanders herlaufen und mit dem örtlichen Wind nichts mehr zu tun haben. Beide sind Teilhöhen desselben Seegangs. Sie überlagern sich in ihrer Energie, nicht in ihrer Höhe — deshalb steht im Diagramm oben ein Nebeneinander von drei Linien und kein Stapel, und deshalb rechnet die Seite bei jedem Abruf nach, wie gut die quadratische Summe die gemeldete Gesamthöhe trifft.

Was welche Windstärke überhaupt anrichtet, steht auf Windstärken & Beaufort — dort allerdings mit den Auswirkungen im Binnenland; die Beaufort-Tabelle für die See ist eine eigene. Woher der Wind kommt und wie oft, zeigt die Windrose. An sonnigen, ruhigen Tagen dreht der Wind an der Küste außerdem oft von selbst aufs Land: Wann der Seewind einsetzt und warum grobe Modelle ihn kaum sehen, steht bei Lokale Winde.

Wassertemperatur ist nicht Badetemperatur

Die Wassertemperatur ist das, was auf dieser Seite die meisten Leute suchen: Kann man rein? Die Zahl beantwortet diese Frage nicht, jedenfalls nicht so genau, wie sie aussieht. Sie ist ein Modellwert für eine Gitterzelle von rund 9 mal 5 Kilometern — kein Thermometer, das jemand an einer Badestelle in die Nordsee hält.

Der Unterschied ist an der Ostsee kein Detail. In einer flachen Bucht kann das Wasser bei Sonne und ablandigem Wind an einem Nachmittag mehrere Kelvin wärmer werden als draußen; kommt der Wind auflandig und drückt kaltes Tiefenwasser hoch, kehrt sich das binnen Stunden um. Eine Zellenmittelung sieht davon nichts. Sie ist ein Anhaltspunkt für die Größenordnung und für den Trend über Tage — mehr nicht.

Deshalb steht auf dieser Seite keine Farbampel und keine Empfehlung. Gemessene Wassertemperaturen an festen Stationen in Nord- und Ostsee veröffentlicht das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie über sein Messnetz MARNET; für die Badestelle selbst sind die Badegewässerüberwachungen der Länder zuständig, nicht diese Seite.

Was hier bewusst nicht behauptet wird

Quellen und Weiterlesen

Daten: die keyless Meeres-Schnittstelle von Open-Meteo, Lizenz CC BY 4.0, Endpunkt /v1/marine. Benutzte Stundenfelder: wave_height, wave_period, wave_direction, wind_wave_height, wind_wave_period, wind_wave_direction, swell_wave_height, swell_wave_period, swell_wave_direction, secondary_swell_wave_height und sea_surface_temperature; Tagesfelder wave_height_max, wave_period_max, wave_direction_dominant, sea_surface_temperature_max und sea_surface_temperature_min. Alle Einheiten werden aus den Feldern hourly_units und daily_units der jeweiligen Antwort übernommen, nicht angenommen. Dokumentation: open-meteo.com/en/docs/marine-weather-api.

Open-Meteo nennt als Quellen unter anderem MFWAM von Météo-France (0,08°), EWAM und GWAM des DWD, WAM des ECMWF und GFS Wave des NCEP; die Wassertemperatur stammt aus dem Strömungsmodell von Météo-France. Dass hinter Wellen und Wassertemperatur verschiedene Modelle stehen, ist an den Daten selbst ablesbar: Ein Abruf mit models=meteofrance_wave liefert Wellen, aber keine Wassertemperatur, einer mit models=meteofrance_currents genau umgekehrt. Die Richtungsangabe ist laut Dokumentation stets die Richtung, aus der die Wellen kommen.

Definition der signifikanten Wellenhöhe und der Hinweis auf höhere Einzelwellen: DWD-Wetterlexikon. Gemessenen Seegang und gemessene Wassertemperatur an festen Stationen in Nord- und Ostsee veröffentlicht das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in seinem Messnetz MARNET: bsh.de – Seegang.

Eine einzelne Momentaufnahme derselben Schnittstelle steht auch im API-Betrachter unter Daten — dort ohne Verlauf und ohne die Ausweich-Prüfung, die diese Seite macht. Dasselbe Grundproblem für Flüsse — eine Modellzahl für jeden Punkt, auch für Orte ohne Fluss — behandelt Flussabfluss für deinen Ort. Sturmflut und Wasserstand: Sturmflut. Meeresströmungen: Golfstrom. Herkunft und Grenzen aller Datenquellen dieser Site stehen unter Methodik & Quellen.