Seegang und Wassertemperatur an Nord- und Ostsee
Es gibt eine Schnittstelle, die zu jedem Punkt der Erde eine Wellenhöhe ausspuckt. Tippt man „Kiel“ ein, kommt eine Zahl. Sie sieht vertrauenswürdig aus, sie hat eine Einheit, sie ändert sich stündlich — und sie gehört nicht zu Kiel. Die Gitterzelle, auf die Kiel fällt, kennt gar keinen Seegang; die Schnittstelle sucht sich dann stillschweigend eine Zelle draußen auf dem Meer und antwortet mit deren Wellen. Diese Seite zeigt Wellenhöhe, Periode, Richtung und Wassertemperatur im Verlauf — und sie sagt bei jedem Ort als Erstes, ob er überhaupt auf See liegt.
Vier Fälle zum Vergleichen:
Der Befund, den man selbst nachprüfen kann
Die Schnittstelle kennt einen Schalter namens cell_selection. Für
Meeresdaten steht er in der Vorgabe auf sea: „Such dir eine
Zelle auf See.“ Stellt man ihn auf nearest, bekommt man die
Zelle, auf die der Punkt wirklich fällt. Der Unterschied ist der ganze Punkt.
Am 01.08.2026 gemessen, jeweils die Wellenhöhe der ersten Stunde:
- Kiel (54,3233° N / 10,1394° O): eigene Zelle kein Wert, Vorgabe 0,32 m
- Rostock: eigene Zelle kein Wert, Vorgabe 0,38 m
- Cuxhaven: eigene Zelle kein Wert, Vorgabe 0,54 m
- Wilhelmshaven, Greifswald, Travemünde: dasselbe Bild
- Nordsee 54,5° N / 8,0° O, Helgoland, Arkona, Westerland, Sankt Peter-Ording: beide Zellwahlen liefern denselben Wert — so soll es sein
- Berlin, Kassel, München, Hannover, Hamburg, Bremen: beide Zellwahlen liefern nichts. Im Binnenland ist die Schnittstelle unmissverständlich ehrlich
Der gefährliche Fall ist also nicht das Binnenland, sondern die Küste. Wer in Berlin nach Wellen fragt, merkt sofort, dass da nichts ist. Wer in Kiel fragt, bekommt eine plausible kleine Zahl — und keinen Hinweis darauf, dass sie von einer Zelle stammt, die an der Karte nachgemessen rund 18 km weiter draußen liegt.
Und es hört nicht bei Landpunkten auf: Warnemünde liegt
selbst auf einer Seezelle, die am selben Tag 0,14 m meldete. Die Vorgabe-Abfrage gab
trotzdem 0,38 m zurück — Faktor 2,7 —, weil sie
die küstennahe Zelle zugunsten einer offeneren übergeht. Deshalb fragt
diese Seite die Reihe immer zuerst mit cell_selection=nearest
ab und weicht nur dann aus, wenn die eigene Zelle wirklich nichts hergibt —
dann aber mit Ansage im Kasten oben.
Ein vierter Fall ließe sich nicht erraten: Husum und Flensburg bekommen eine Wassertemperatur, aber keinen Seegang. Das ist kein Widerspruch. Die Wellen kommen aus einem Wellenmodell, die Wassertemperatur aus einem Strömungsmodell, und das deckt Wattenmeer, Förden und Haffe mit ab, die das Wellenmodell nicht rechnet. Die Karte oben zeigt beide Abdeckungen getrennt.
Warum die gemeldete Koordinate den Ausweichschritt nicht verrät
Naheliegender Gedanke: Wenn die Schnittstelle aufs Meer ausweicht, muss sie doch
eine andere Koordinate zurückmelden. Tut sie nicht zuverlässig. Für
Greifswald meldet die Antwort in beiden Zellwahlen
dieselbe Koordinate 54,1250080° N / 13,3750150° O — liefert dabei
einmal keinen Wert und einmal 0,10 m. Bei Husum dasselbe. Das mitgelieferte Feld
elevation steht dort auf 4 bzw. 10 Metern, ist also eine
Landhöhe: Die gemeldete Koordinate stammt aus dem Geländemodell,
nicht aus dem Wellengitter.
Deshalb nennt diese Seite die gemeldete Koordinate zwar, benutzt sie aber nicht als
Nachweis. Die Entfernung zur nächsten Zelle mit Seegang misst sie selbst aus
— an der Abdeckungskarte, die sie zeichnet, Zelle für Zelle mit
cell_selection=nearest abgefragt. Und sie macht die Gegenprobe: Stimmt
der angezeigte Wert mit dem dieser Zelle überein? Wenn ja, ist der Ausweichschritt
belegt. Wenn nein, steht das genauso da.
Das Gitter ist 1/12 Grad = 0,08333° groß, an der deutschen Küste also rund 9,3 km hoch und 5,4 km breit. Diese Zahl ist nicht abgeschrieben, sondern gemessen: Ein Scan in 0,01°-Schritten zeigt Zellzentren bei 7,45834°, 7,54167°, 7,62502° … in der Länge und 54,04166°, 54,12501°, 54,20834° … in der Breite. Sie deckt sich mit der Angabe von Open-Meteo für das Wellenmodell MFWAM (0,08°).
Signifikante Wellenhöhe — und die Welle, die höher ist
Die Zahl in Metern ist nicht die Höhe „der“ Welle. Sie ist die signifikante Wellenhöhe. Der Deutsche Wetterdienst definiert sie in seinem Glossar als „mittlere Höhe des höheren Drittels aller in einem Seegebiet (z. B. 10x10km) und in einem repräsentativen Zeitraum (z. B. 20 Minuten, unter der Annahme stationärer Verhältnisse) vorkommenden Wellen“. Die kleineren zwei Drittel werden also weggelassen, bevor gemittelt wird.
Und der Satz, auf den es ankommt, steht direkt daneben im selben Eintrag: „Einzelwellen können theoretisch (aber recht selten) die doppelte Höhe oder mehr erreichen.“ Wer aus „1,2 m“ schließt, dass keine Welle höher als 1,2 Meter kommt, liest die Zahl falsch herum. Quelle: DWD-Wetterlexikon, „Signifikante Wellenhöhe“.
In dieses Bild gehört auch, warum Windsee und Dünung sich nicht addieren lassen. Windsee ist der Seegang, den der Wind an Ort und Stelle gerade aufwirft; Dünung sind Wellen, die von woanders herlaufen und mit dem örtlichen Wind nichts mehr zu tun haben. Beide sind Teilhöhen desselben Seegangs. Sie überlagern sich in ihrer Energie, nicht in ihrer Höhe — deshalb steht im Diagramm oben ein Nebeneinander von drei Linien und kein Stapel, und deshalb rechnet die Seite bei jedem Abruf nach, wie gut die quadratische Summe die gemeldete Gesamthöhe trifft.
Was welche Windstärke überhaupt anrichtet, steht auf Windstärken & Beaufort — dort allerdings mit den Auswirkungen im Binnenland; die Beaufort-Tabelle für die See ist eine eigene. Woher der Wind kommt und wie oft, zeigt die Windrose. An sonnigen, ruhigen Tagen dreht der Wind an der Küste außerdem oft von selbst aufs Land: Wann der Seewind einsetzt und warum grobe Modelle ihn kaum sehen, steht bei Lokale Winde.
Wassertemperatur ist nicht Badetemperatur
Die Wassertemperatur ist das, was auf dieser Seite die meisten Leute suchen: Kann man rein? Die Zahl beantwortet diese Frage nicht, jedenfalls nicht so genau, wie sie aussieht. Sie ist ein Modellwert für eine Gitterzelle von rund 9 mal 5 Kilometern — kein Thermometer, das jemand an einer Badestelle in die Nordsee hält.
Der Unterschied ist an der Ostsee kein Detail. In einer flachen Bucht kann das Wasser bei Sonne und ablandigem Wind an einem Nachmittag mehrere Kelvin wärmer werden als draußen; kommt der Wind auflandig und drückt kaltes Tiefenwasser hoch, kehrt sich das binnen Stunden um. Eine Zellenmittelung sieht davon nichts. Sie ist ein Anhaltspunkt für die Größenordnung und für den Trend über Tage — mehr nicht.
Deshalb steht auf dieser Seite keine Farbampel und keine Empfehlung. Gemessene Wassertemperaturen an festen Stationen in Nord- und Ostsee veröffentlicht das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie über sein Messnetz MARNET; für die Badestelle selbst sind die Badegewässerüberwachungen der Länder zuständig, nicht diese Seite.
Was hier bewusst nicht behauptet wird
- Keine Messung, nirgends. Alle Zahlen auf dieser Seite sind Modellwerte. Es gibt keine Boje, keine Messstelle und keinen Zeitstempel einer Beobachtung. Gemessenen Seegang und gemessene Wassertemperatur führt das BSH in seinem Messnetz MARNET.
- Keine Höhe für die höchste Einzelwelle. Der DWD schreibt, Einzelwellen könnten das Doppelte „oder mehr“ erreichen. „Oder mehr“ ist keine Obergrenze, also steht hier auch keine — weder als Zahl noch als Band im Diagramm. Ein gezeichnetes Band würde eine Grenze suggerieren, die es nicht gibt.
- Kein Wasserstand, keine Sturmflut. Die Schnittstelle liefert
auch
sea_level_height_msl. Dieses Feld wird hier nicht angefasst: Wasserstand ist etwas anderes als Seegang, und die amtlichen Stufen dazu stehen beim BSH. Was eine Sturmflut ist und wer davor warnt, erklärt Sturmflut an Nord- und Ostsee. - Keine Strömung. Auch
ocean_current_velocityundocean_current_directiongibt es — und auch die bleiben draußen. Meeresströmungen behandelt Golfstrom & Meeresströmungen. - Keine Aussage zur Brandung am Strand. Was eine Welle im letzten Meter vor dem Ufer tut, hängt an Wassertiefe, Bodenprofil, Buhnen und Strömung. Ein 5-km-Gittermodell kennt davon nichts. Aus der Zahl folgt hier keine Warnung und keine Entwarnung — auch nicht zu Brandungsrückströmung.
- Kein Urteil darüber, welches Modell recht hat. Die Modelltafel oben zeigt fünf Wellenmodelle für dieselbe Stunde und dieselbe Stelle. Sie unterscheiden sich, teils deutlich. Welches näher an der Wirklichkeit liegt, könnte nur eine Messung sagen, und die hat diese Seite nicht.
- Der Befund gilt für das Modellgitter, nicht für die Landschaft. „Diese Zelle führt keinen Seegang“ heißt nicht „dort ist kein Wasser“. Eine Förde, ein Haff oder ein Wattenpriel kann sehr wohl Wellen haben — sie sind für ein Gitter dieser Größe nur zu schmal.
- Zwei Felder werden nicht benutzt, weil sie leer sind.
wave_peak_periodundtertiary_swell_wave_heightgibt es als Feldnamen, sie antworten aber mit der Einheitundefinedund lauter Nullwerten. Am 01.08.2026 geprüft. Was leer ist, wird hier nicht angezeigt. - Die Reihe endet, wo sie endet. Je nach Zelle bricht die Wellenhöhe früher ab als die Wellenrichtung, weil hinter beiden verschiedene Modelle mit verschiedenen Reichweiten stehen. An der Zelle vor Warnemünde waren es am 01.08.2026 141 von 288 angefragten Stunden für die Höhe, aber 288 für die Richtung. Die Seite schreibt bei jedem Abruf hin, wie weit es diesmal reicht, und schreibt nichts darüber hinaus fort.
Quellen und Weiterlesen
Daten: die keyless Meeres-Schnittstelle von
Open-Meteo, Lizenz CC BY 4.0,
Endpunkt /v1/marine. Benutzte Stundenfelder:
wave_height, wave_period, wave_direction,
wind_wave_height, wind_wave_period,
wind_wave_direction, swell_wave_height,
swell_wave_period, swell_wave_direction,
secondary_swell_wave_height und
sea_surface_temperature; Tagesfelder wave_height_max,
wave_period_max, wave_direction_dominant,
sea_surface_temperature_max und
sea_surface_temperature_min. Alle Einheiten werden aus den Feldern
hourly_units und daily_units der jeweiligen Antwort
übernommen, nicht angenommen.
Dokumentation:
open-meteo.com/en/docs/marine-weather-api.
Open-Meteo nennt als Quellen unter anderem MFWAM von
Météo-France (0,08°), EWAM und
GWAM des DWD, WAM des ECMWF und
GFS Wave des NCEP; die Wassertemperatur stammt aus dem
Strömungsmodell von Météo-France. Dass hinter Wellen und
Wassertemperatur verschiedene Modelle stehen, ist an den Daten selbst ablesbar: Ein
Abruf mit models=meteofrance_wave liefert Wellen, aber keine
Wassertemperatur, einer mit models=meteofrance_currents genau umgekehrt.
Die Richtungsangabe ist laut Dokumentation stets die Richtung, aus der die
Wellen kommen.
Definition der signifikanten Wellenhöhe und der Hinweis auf höhere Einzelwellen: DWD-Wetterlexikon. Gemessenen Seegang und gemessene Wassertemperatur an festen Stationen in Nord- und Ostsee veröffentlicht das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in seinem Messnetz MARNET: bsh.de – Seegang.
Eine einzelne Momentaufnahme derselben Schnittstelle steht auch im API-Betrachter unter Daten — dort ohne Verlauf und ohne die Ausweich-Prüfung, die diese Seite macht. Dasselbe Grundproblem für Flüsse — eine Modellzahl für jeden Punkt, auch für Orte ohne Fluss — behandelt Flussabfluss für deinen Ort. Sturmflut und Wasserstand: Sturmflut. Meeresströmungen: Golfstrom. Herkunft und Grenzen aller Datenquellen dieser Site stehen unter Methodik & Quellen.