In eigener Sache

Das Blog Im Dickicht wird nicht fortgesetzt. Zu den Beweggründen siehe unter (!) → Über (!).
(Heute wieder zwei Aufrufe aus China. Von wem? Wofür?)
Nebenbei spare ich so 167,20 Euro im Jahr, eine für einen Buchhändler nicht zu verachtende Summe. Wie auch immer:
Das Pferd ist tot, ich steige (vom Pferd) ab.
Sobald alle Beiträge und Kommentare archiviert sind, fällt der Vorhang.
Ich schließe nicht aus, Im Dickicht als Log weiterzubasteln, rein papieren. Zu meinem Geburtstag wurden mir verdächtig viele Notizbücher und Schreibgeräte geschenkt – ein Wink mit dem Zaunpfahl? Briefumschläge und Briefmarken hätte ich da. Allerdings, mein Mitteilungsbedürfnis ist blass.
Wer meine E-Mail- und Postadresse nicht hat, hat noch ein bisschen Gelegenheit, sie in ein Adressbuch zu übertragen.

Darn That Dream

Neulich hatte ich schon ein Beispiel für die Traumsprache zitiert, derer sich mein Gehirn bedient, wenn es nicht mehr, oder noch nicht wieder, wach ist. Es agiert dann freier als wenn, Kontrollfex, ich daneben stehe.
Nach dem Einschlafwort geisterweich nun als morgendliches Gegenstück, nicht weniger sonderbar, der Ausdruck zurechtgeraffte Kiefer.

dream brigade

dream brigade is the duo of Phillip Golub and Lesley Mok. Their music seizes the singularity of the moment and shows how a moment can have luster—as in a dream.

So die Selbstvorstellung des Klavier-Schlagzeug-Duos aus Brooklyn, New York, das im letzten Jahr beim Label Infrequent Seams sein selbstbetiteltes Debüt veröffentlicht hat.
Es enthält neben sechs Eigenkompositionen/Improvisationen auch zwei Coverversionen: Darn That Dream und Conception.

dream brigade – Bandcamp-Bandfoto

Keine Ahnung, ob meine Einschätzung, derzufolge zum ästhetischen Gelingen eines Kunstwerks ein Moment der Überraschung und die Bereitschaft zum Spiel gehören, objektiv zutreffend ist – für mich ist es so.
Ich habe noch mehr Wünsche an die Kunst: Sie soll Rhythmus haben, sie soll weiße Stellen übrig lassen (nichts totmalen), sie soll bei ihrer Logik bleiben, sie soll sich die Freiheit nehmen, immer die Freiheit, Witz verraten und sich nicht sorgen, was der Empfänger darüber denkt, zumal der Empfänger meist nichts sagt, vielleicht aus Furcht, etwas Falsches, oder Dummes, zu sagen. (Wer bestimmt, was falsch oder dumm ist, aus welcher Autorität heraus? Da, wo Kunst ist – gemacht oder wahrgenommen wird -, ist Furcht unangebracht. Eine gültige Währung auf diesem Acker wären hingegen Neugierde und Offenheit.)
dream brigade löst diese Vorgabe ein.

“We didn’t create this duo because of the particular instrumentation or any tradition or precedent or history with regards to instrumentation, but just rather as two individual improvisers and people with shared interests and sensibilities[.]”, wird Golub im Begleittext zu dream brigade zitiert.

Wenn ich sage, das Duo habe letztes Jahr debütiert, dann ist ausdrücklich dieses gemeint, eben dream brigade, wohingegen sowohl Phillip Golub als auch Lesley Mok, beide Anfang 30, längst andere Sachen gemacht haben und fortlaufend machen:

Phillip Golub → hier / Debütalbum Abiding Memory (2024)
Lesley Mok → hier / Debütalbum The Living Collection (2023)


Golubs und Moks individueller Zugriff auf Darn That Dream wird deutlicher, wenn man die Interpretation im Ohr hat, die der Sänger Kenny Hagood 1950 mit dem Miles Davis Nonett, in einem Arrangement von Gerry Mulligan, aufgenommen hat.
Ich mag beide Versionen, trotz gewisser Vorbehalte gegenüber Hagoods mehliger Stimme – Geschmackssache. Die von dream brigade gibt den Synapsen mehr zu tun.

Außerdem (Auswahl):

Das Budget von US-Kriegsminister Pete Hegseth beträgt in diesem Jahr ungefähr 870 Milliarden Dollar. Er wünscht sich weitere 200 Milliarden. (Meldung der Tagesschau vom 20. März 2026 → hier)

Berlin Modern, der Museumsneubau neben der Neuen Nationalgalerie, verteuert sich.
Zur Zeit werden Kosten von 507 Millionen Euro veranschlagt. Planer warnen vor Baukosten von bis zu 600 Millionen Euro.
Die zunächst für 2021 angestrebte Fertigstellung wird für 2030 erwartet.
Berlin Modern (Wikipedia)

Zusammen mit anderen Nichtregierungsorganisationen hat die Deutsche Umwelthilfe eine Petition gestartet, um Ursula von der Leyen und die EU-Kommission davon abzuhalten, Naturschutzgesetze abzuschwächen → Hands off Nature

„Geben Sie der Natur eine Stimme“, schreibt die Deutsche Umwelthilfe.
In diesem Zusammenhang sei die Initiative Vers une internationale des rivières et autres éléments de la nature… (Auf dem Weg zu einer Internationalen von Flüssen und anderen Elementen der Natur…) erwähnt, in der sich Camille de Toledo engagiert – S. hatte mir den Namen schon vor ein paar Jahren genannt.
Es geht darum, Flüssen, Wäldern, Mooren, Bienen, Wolken, dem Mond usw. den Status einer juristischen Person zu erkämpfen. Eine poetische und eine politische Idee.
In seinem jüngsten Buch (ich muss es noch lesen), L’Internationale des rivières, hat Camille de Toledo die Uhr weiter gedreht: was heute noch Utopie ist, ist in der Fiktion Realität geworden und zeitigt Folgen, die die Geschichte anders weiterschreiben, als Big Oil & Cie es sich ausgemalt hatte.

Übersetzt das jemand?

Mein Bruder erzählte, dass er auf dem Weg zur Arbeit, wenn am Wegesrand Tauben oder Spatzen in Grüppchen stehen, einen Bogen um sie schlägt.
Diese Höflichkeit gegenüber den Wesen der Natur lobe ich mir. Issa hätte seine Freude daran, aber ich auch.
Ich fragte ihn, was er an seinem Jubeltag noch mache. Er lachte über das Wort.
Er sagte, er wolle eine Kulturzigarette rauchen und dann aufs Sofa gehen.
So mach ich’s in fünf Jahren auch, ohne die Zigarette.

Edit [16. Mai 2026]. Quarter Tone Pieces hat schon Charles Ives (1874-1951) geschrieben – Three Quarter Tone Piano Pieces (1923/24). Ein anderer Weg, die Dur-Moll-Tonalität auszutricksen, sind Reine Stimmung und Mikrotonalität. Dies scheint seit einer Weile für Musiker*innen im Bereich des Jazz ein reizvolles Betätigungsfeld zu sein, zu nennen wären beispielsweise Alec Goldfarb, Fire Lapping at the Creek (2024), die Webber/Morris Big Band mit Unseparate (2025) oder zuletzt Phillip Golub, dessen mikrotonal konzipiertes Partisan Ship just gestern vom Stapel lief.
Alle genannten Veröffentlichungen können mit Fug und Recht als adventurous music gelabelt werden. Wie bei Jazz allgemein gilt auch hier: man muss es mögen. Und ich mag’s.
Neulich las ich ein Plakat mit der Aufschrift „Andere Menschen denken“. Ich betonte erst das denken, doch ebenso ist auch die Betonung auf Menschen möglich.
Alec Goldfarb, Anna Webber, Angela Morris, Phillip Golub, Lesley Mok, David Leon, Steve Lehman und viele andere, die aktuell Musik machen, denken den Jazz anders. Sie halten sein utopisches Moment wach und seinen Möglichkeitsraum offen. Sie machen Musik ohne Zäune – freie Musik. Sicher auch ein Modell für die Sache mit den Menschen.

Neues Spiel, neues Glück

Kann man sich verhören, wenn die Stimme nur im Kopf war?
Neulich, beim Einschlafen, war mir das unsinnige, mindestens lexikalisch nicht festgelegte, Wort geisterweich im Sinn. Vielleicht ist jemand so freundlich, es mir zu erklären?
Muss aber auch nicht sein, ich kann gut mit Rätseln leben.
Eine Freundin erwähnte phantom words, die Diana Deutsch erforscht habe – die einen wie die andere sagten mir nichts. Vielleicht liegt da die Lösung?
Bei der nächsten Monsterrunde hake ich nach.

Abermals die Verwirrung: Was ist Skulptur, was Plastik?
Bilde mir ein, eins bedeutet Subtraktion, eins Addition.

Im Wald wunderbare … Objekte …, auch Assemblagen,
aus Holz, Laub, Flechten, Pilzen, Fasern, Moos.

Wind, Regen, Sonne,
Käfer,
die Zeit: der Bildhauer.

Zugriffe nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den USA, aus der Sonderverwaltungszone Hongkong, aus Singapur – sind das Menschen, die sich für meinen Kram interessieren, oder Bots?

Nervtötendes Free Jazz-Getute, grausame Zirkularatmung: Take One des Roscoe Mitchell Quintet.
Alles andere kann ich gut anhören.
Turn, 2005.

Gestern Bücher zur Telefonzelle.
Fiel eins raus, mir buchstäblich in die Hand.
Und jetzt –
16.2. geträumt, antiqu. Buch von Nathalie Sarraute gekauft zu haben. Unter der steifen Kunststoff-Folie gut in Schuss (Leineneinband). Offenbar eine deutsche Ausgabe (Ki & Wi ?)
Und jetzt pass auf: Nathalie Sarraute, Zeitalter des Argwohns.
Yo, das war’s.

Dat sätt mi wat

Dies war die Überschrift eines nicht weiter ausgeführten Entwurfs, der von der Vorfreude berichtete, wieder mal für ein paar Tage am schönen Niederrhein zu sein.
Der Schluss:
Jede Veränderung des Verkehrs beginnt mit der Einsicht, dass das Auto eine Plage ist.
Das sagt mir was.

– Wenn Du Dich gruseln willst, Deutschlandfunk einschalten: Superintelligenz – Wie gefährlich ist die KI der Zukunft?
– Nein, danke. Ich telefoniere gleich mit Tel Aviv – reicht.

Schließlich bin ich darauf gekommen, woher Phillip Golub meine Mailadresse hatte. Er arbeitet als Operations support beim Label Endectomorph Music, bei dem Yuhan Sus OVER the MOONs erschienen ist. Drum.

GoogleTube stellt das neunte und letzte Stück des Tropos-Albums Switches, Headline, bereit, an dessen Notenvideo sich sehr schön sehen lässt, wie Komposition und Improvisation zusammengehen können, ohne dass das eine das andere erstickt, oder das andere das eine überwuchert. In anderen Worten, Ordnung und Unordnung sind austariert. Doch was ist was?
Ich würde vorschlagen: Komposition = Ordnung/Unordnung. Improvisation = Unordnung/Ordnung.
Denn Unschärfen bleiben. In der Spielanweisung others re-enter, comp, somewhat in time bleibt offen, wer der one player der Soloeinlage ist, und comp, das heißt play music as an accompaniment (musste ich bei LEO nachgucken), gibt nur vor, dass die anderen begleiten, doch wie sie das machen, bleibt weitgehend ihnen überlassen, sie sollen nur einigermaßen in time bleiben.

Phillip Golub, p/comp
Yuma Uesaka, cl
Ledah Finck, v
Aaron Edgcomb, dr

À propos Komposition. Bei Bandcamp, wo man gut Musikentdeckungen machen kann, stieß ich, als ich nach Maderna suchte, auf die Seite einer Forschungseinrichtung namens OTRJ [研究所] aus Osaka, deren Ziel das Studium, die Bewahrung und Verbreitung grundlegender Werke der Musik des 20. Jahrhunderts ist.
Seit 2020 erscheinen nach und nach restaurierte Tonaufnahmen, vorerst nur von Werken von Komponisten. (Vermutlich forschen nur Männer.)
Wer sich für die Darmstädter Schule, die Raucherecke der neuen Musik – so die Überschrift eines Beitrags von Björn Gottstein in der Neue[n] Zeitschrift für Musik – interessiert, wird hier fündig.
Gleich zu Beginn zitiert Gottstein übrigens Helmut Lachenmann, der protestantisch trocken feststellte: „Ich kann keine Darmstädter Schule erkennen.“*

Bandcamp → OTRJ

*Für wer nachlesen will, kann sich bei der digitalen Bibliothek JSTOR kostenlos registrieren. Das habe ich gerade gemacht, denn ich wollte es wissen.

Maderna, richtig. Im Alter von sieben Jahren dirigierte er bereits verschiedene Opernorchester in Norditalien.
[Edit 3. April 2026: Das schien mir dann doch recht unwahrscheinlich, Wunderkind hin, Wunderkind her. Die Biographie auf den Seiten des IRCAM, Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique, vermerkt stattdessen → Enfant prodige, de 1932 à 1935, pendant le régime fasciste, il dirige plusieurs concerts de musique symphonique à Milan, Trieste, Venise, Padoue et Vérone. – 12 bis 15, immer noch jung, um ein Orchester zu dirigieren.]

Als Eric Dolphy starb, hat John Coltrane, der ihn um drei Jahre überlebte, A Love Supreme (1964) aufgenommen. Als Bruno Maderna starb, hat Pierre Boulez Rituel in memoriam Bruno Maderna (1975) komponiert.

Mehr zu Niebla, und mehr

Zwei weitere Musikvideos von Adrien H. Tillmann zum Album Niebla von Gabriel Vicéns:


Vitor Gonçalves beweist in Guiza buchstäblich Fingerspitzengefühl. Seine an Morton Feldmans leise Klang-Stabiles (oder -Mobiles?) erinnernde Intro/Outro gibt eine Ahnung von der Komplexität der Tonbildung auf dem Klavier.
So viele verschiedene Arten, Tasten herunterzudrücken!
Und die Hände über den Tasten, die den aufsteigenden Klang zu beschützen oder zu modulieren scheinen – oder formen sie den Nachklang, bereiten Stille vor? Das Klavier als Theremin.
Die Minimalmelodie wird nach einer Minute vom Ensemble aufgenommen, das Tempo zieht an, und ungefähr ab der dritten Minute beginnt ein Bass-Solo von Rick Rosato, dem Gabriel Vicéns‘ Solo folgt, bewegt und entspannt zugleich. Dann Reprise des Ensemble-Teils und des reduktionistischen Tastenzaubers vom Beginn. Rarefiziertes Tönen … Verstummen. Ein Stück wie ein Traumgesicht, mit verschwimmenden Konturen. Edel.

Das spannungsvolle Stray Dogs hat seinen Titel nach einem Film von Tsai Ming-liang, einem Vertreter des Slow cinema, das Gabriel Vicéns bewundert. Es ist eines der Virtuosenstücke auf Niebla. Vicéns und Roman Filiú soloieren (gerade erfunden) abwechselnd, dann show time für den Pianisten, während der Perkussionist Victor Pablo, Bassist Rick Rosato und Schlagzeuger E. J. Strickland einen dichten, druckvollen Rhythmus darunter legen.

Niebla hat eben beide Seiten. Josef Woodard hat es in DownBeat treffend resümiert:
The album is an artful adventure of both the introspective and tastefully blowing kind.

Vermischte Meldungen

Die 400+ auf Entwurf gestellten Blog-Beiträge sind nun wieder online.

ocelot hat eine 20 Stunden-Stelle ausgeschrieben, siehe → hier.

Meine Insta-Buchempfehlung zu Dagmara Kraus‘ wille zur mache hat vierzig Likes bekommen, die von Hendryk zu Megan Nolans Kleine Schwächen 262. Da ich keine kompetitive Seite habe, ist das völlig in Ordnung. (Hendryk hat, glaube ich, auch keine kompetitive Seite.)

S. hat mich heute noch einmal an Laura Vazquez und ihren Roman Les Forces (2025) erinnert. Ich habe ihn daraufhin bei Zadig bestellt, zusammen mit ihrem Epos Le Livre du large et du long (2023).
À vrai dire, les deux livres que vous désirez commander, nous les avons en stock, schrieb mir Zadig zurück, und icke: Tant mieux !

Irgendwie bin ich in der Mailing-Liste des New Yorker Pianisten und Komponisten Phillip Golub. So erfuhr ich von einer kleinen USA-Tournee seiner Band Tropos, vor allem aber von deren CD Switches, die (wie so vieles andere) meiner Aufmerksamkeit entgangen war. Das Abgefahrendste, was ich in den letzten Monaten gehört habe.


Interessehalber habe ich nachgesehen, seit wann ich Mitglied der Büchergilde bin: seit dem 25. Oktober 2007. In ihrem gut kuratierten Programm ist zuletzt ein Roman von Ursula K. Le Guin erschienen, den ich mir vorgemerkt habe: Das Wort für Welt ist Wald (Ü: Karen Nölle).

Neue Sprachkunst von Charlotte Warsen

Dieser Beitrag ist sechs Jahre alt [vom 16. Februar 2020].

Die Arbeit verlief diesmal so: zwei Wochen lesen (immer in der S-Bahn) und ins Buch kritzeln, zwei Tage schreiben. Jetzt warte ich noch das Urteil meiner Testleserin ab, dann geht die Sache raus.

Ein Abschnitt aus meiner Kritik zu Plage, demnächst dann in ganzer Länge bei Fixpoetry:

Plage ist in einer undefiniert wabernden ‚Kugelzeit‘ (im Sinne Bernd Alois Zimmermanns) angesiedelt, in der jedes Sprachzeichen im gleichen Abstand zum gedachten Mittelpunkt steht, der aber eben nicht gedacht werden kann, so wenig wie „Gott“ gedacht werden kann (auch wenn Charlotte Warsen ihm am Schluss des Buchs einen wundervollen Auftritt verschafft). Mit dieser Feststellung selbst aber implodiert die ganze schöne Referenz-Sphäre, und es bleibt ein absolutes, planes Sprachkunstwerk übrig, ein „nur durch seine Bewegung bestimmter Gegenstand“. – Charlotte Warsen gibt nun gar keine Gelegenheit, den Weltverlust zu beklagen – und war die Welt nicht überhaupt schon immer verloren, wenn es zur Sprache ging? – weil auf der anderen Seite eine Sprachexplosion steht, die die metaphysische Leere vergessen macht. Mit unerschöpflicher Imagination erschafft Charlotte Warsen einen neuen, eigenen Kosmos, der auf dem Papier – und nur das interessiert uns – ebensoviel taugt wie der alte, und vermutlich auch verlässlicher ist.

Möglich, dass sich noch was ändert, aber das ist ja das Tolle am Bloggen, es muss nichts in Stein gemeißelt sein.

Und weil es jetzt doch sehr viel Text war, gestern und heute, hier zum Schluss gleich zwei Videos: eines von Billie Eilish, die mit ihrem Bruder einen sehr guten Titelsong zum jüngsten Filmabenteuer von James Bond geschrieben hat, und eines von Nilüfer Yanya – mit besten Wünschen für einen guten Start in die neue Woche.

Gabriel Vicéns Niebla

Big Orange Sheep heißt oder hieß – inzwischen: Audio Confidential – ein Aufnahmestudio in New York. Dorthin begab sich im Mai 2019 der aus Puerto Rico stammende, in New York lebende Gitarrist und Komponist Gabriel Vicéns (Jahrgang 1988), zusammen mit seiner Band, der, neben ihm selbst, Altsaxophonist Roman Filiú, Pianist Glenn Zaleski, Bassist Rick Rosato, Schlagzeuger E. J. Strickland und Perkussionist Victor Pablo angehörten.
Das bei dieser Aufnahmesession enstandende Album wurde am 15. Januar 2021 unter dem Titel The Way We Are Created auf Greg Osbys Inner Circle Music veröffentlicht.

Im Mai 2025 ging besagte Band abermals ins Studio, zu Sear Sound diesmal. Auf dem Klavierstuhl nahm jemand anders Platz, Vitor Gonçalves, sonst blieb das Sextett unverändert.

Jüngst nun, am 6. März 2026, wurde Niebla, zu deutsch: Nebel, veröffentlicht, Gabriel Vicéns‘ fünftes Album – zugleich Geburtsanzeige für sein im letzten Jahr gegründetes Plattenlabel Clepsydra Records, das mit Niebla an den Start geht. In bocca al lupo!

Der Poesiefreund freut sich, dass die Namensgebung – Clepsydra – auf ein Gedicht von John Ashbery zurückgeht.
Für die Musik entscheidend ist aber, was Gabriel Vicéns musical temporality nennt. Ich würde es probehalber mit Zeitorganisation übersetzen, oder mit Zeitstruktur. Wie kann die aussehen, wenn man eigene Pfade beschreiten will?

Time als solche (wo habe ich mein Jazzbuch hingetan?) ist für den Jazz gewiss elementar, Niebla bildet da keine Ausnahme.
timeen.wiktionary.org/wiki/time → 6.3.
Möglich, dass Gabriel Vicéns auch Karlheinz Stockhausen im Sinn hat, der sich in einem Aufsatz mit dem Titel … Wie die Zeit vergeht … (herunterkurbeln bis Variable und mehrdeutige Form, Prozesskomposition, Intuitive Musik (1954 bis 1970)) ähnlichen Fragestellungen gewidmet hat. Ich bin kein Musikologe, die Sache ist superkompliziert, daher nur so viel: Es könnte sein.
Wie auch immer, behalten wir im Hinterkopf: musical temporality.

Das gut einstündige Album ist sorgfältig komponiert: Drei je zweiminütige Gitarrensoli stehen am Anfang, in der Mitte und am Schluss und fassen sechs Ensemble-Stücke von jeweils einer Dauer von zwischen siebeneinhalb und epischen fünfzehn Minuten ein. In diesen größeren Strukturen öffnen sich ‚zeitlose‘ Zonen des radikal verlangsamten, reinen, demonstrativen, oder wie in einer Monstranz gezeigten, Klingens und Nachklingens – wie Löcher, die sich auftun, wenn man nicht genau hinhört, aber wirklich dann doch eher wie bei Hilde Domin: Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug (okay, ich werde das genaue Zitat nachsehen, hier jetzt aus dem Gedächtnis).

Ich schreibe sicher noch mehr über Niebla, doch jetzt erst einmal das Titelstück.


Märzenbecher

PS: Dein Werdegang als Insta-Bookfluencer wird beobachtet! (Zitat 1)

I am a faithfull drinker of coffee. (Zitat 2)

Ja, begeisterter Kaffeetrinker bin ich auch. Eine meiner ersten Amtshandlungen an den fünf Tagen, die ich im ocelot arbeite, ist es, entweder (Frühschicht) auf die Frage der, meist, Kollegin: Möchtest du was trinken? / Was möchtest du trinken? das immer Gleiche zu antworten, oder (Spätschicht) mir selber einen Cappu zu bereiten.

Cover: Jorghi Poll

Ah, eine neue Autorin, denkst du.
Ja nix da. Hat schon vier Romane veröffentlicht, vor dem, den du lesen willst.

Jana Dolenc ist frustriert von ihrer Arbeit in der Umweltbehörde. Die unzähligen Vergehen, die sie tagtäglich in die Datenbank klopft, führen ja doch zu nichts. Bis eines Tages die Kommissarin Nivia in der Lobby steht: Die Schwester des berüchtigten Unternehmers Mark Schulze, den die Behörde schon lange auf dem Zettel stehen hat, wurde ermordet, und Schulze ist verschwunden. Jana soll der Polizei bei den Ermittlungen helfen und arbeitet eng mit Nivia zusammen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der Jana tief in die dunklen Machenschaften der Fleischindustrie zieht und ihre Freundschaft zu Nivia auf die Probe stellt … (Verlagstext)

Es ist ein ungemein frischer Ton, den Elena Messner anschlägt. – Leseprobe → hier

Was ich Schneeglöckchen nenne, sind Märzenbecher.
Krokusse in rauhen Mengen.
Krähen staken, stöbern, stochern. Krahen.

Zwei Platt-Ausdrücke, die mir einfielen:
äges.
Et es ene toje Racker.
Racker verstehe ich in dem Zusammenhang als alte, theoretisch schon tot sein könnende Person, die aber offenkundig noch lebt.

Was steht an? Ein paar neue Platten erscheinen:
ELEPHANT von und mit Adam O’Farrill’s ELEPHANT Quartet (20. März 2026)
Slow Burn von Maya Keren (20. März 2026)
Honora von Flea (27. März 2026)
The Button Jar von Yvonne Rogers (8. Mai 2026)
– und Dutzende und Aberdutzende weitere, die ich nicht kaufe.
Ostern kommt.
Ostermontag habe ich Geburtstag.
Am 14. März ist Indiebookday und am 21. März der Welttag der Poesie. Dann präsentieren die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, das Lyrikkabinett, das Haus für Poesie und der Deutsche Bibliotheksverband wieder ihre Lyrik-Empfehlungen, und ich darf ein passendes Fenster gestalten.
Irgendwann auf dem Wege zu den Midterms haben vielleicht die USA und Israel ihren völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen (unter anderem) den Iran beendet. Oder es hat sich bis dahin ein Flächenbrand entwickelt. Wer wünscht sich was?
Die Doomsday Clock geht mal wieder nach.

le lin, le jute, le crin

Leinen, Jute, Rosshaar – drei der Materialien, mit denen die polnische Bildhauerin und Textilkünstlerin Magdalena Abakanowicz gearbeitet hat. S. erzählte davon, sie hatte eine Ausstellung mit ihren Werken besucht und hielt mir das Katalogbuch, La trame de l’existence, in die Kamera.

„Es sieht bloß noch aus wie eine Demokratie.“ – Der Niedergang der USA gehe schockierend schnell voran, sagt der Schriftsteller und Journalist George Packer. In Bibliotheken werde nur noch geflüstert, und eine neue Führungsfigur der Demokraten könnte zu spät kommen. (Interview: Charlotte Walser, Washington. Süddeutsche Zeitung, 30. September 2025. – Hinter Paywall.)

Dies war unter den Entwürfen, den wirklichen Entwürfen.

Noch ungefähr hundert Beiträge werde ich wiederveröffentlichen, dann ist das Konvolut der Blogtexte wieder vollständig.

Der Black History Month ist vorbei. Hier dennoch der Ankündigungstext einer gewesenen Radiosendung des Deutschlandfunks, der ebenfalls unter den Entwürfen abgelegt war:

Afrodiaspora
Musik, Macht und Erinnerung
Von Sophie Emilie Beha

Musikerinnen und Musiker mit afrikanischen Wurzeln bereichern die Festivalwelt. Was thematisieren sie in der Neuen Musik?

Schon sehr früh waren sie da: Komponistinnen und Komponisten der afrikanischen Diaspora. Musikerinnen und Musiker mit afrikanischen Wurzeln, die durch Migration, Versklavung oder andere Formen der Zerstreuung auf verschiedenen Teilen der Welt landeten. In Europa und Nordamerika machten sie sich mit der westlichen Musik vertraut und prägten diese auf ihre Weise: mit eigenen Traditionen, Erfahrungen, Klangsprachen. Doch in den Konzertprogrammen, im musikwissenschaftlichen Kanon und auf vielen Bühnen fehlen ihre Namen und Werke bis heute. Das ändert sich gerade: Musikerschaffende, Klangkörper und die musikalische Forschung beginnen, sich mit dem lang Ignorierten auseinander zu setzen – sie fördern Repertoire zu Tage und bringen neue Perspektiven ins Spiel, wie z.B. Satch Hoyt, Monthati Masebe, Elaine Mitchener und Harald Kisiedu.

Musik-Erschaffende. Da findet sich vielleicht eine bessere Formulierung. Wie auch immer: wichtiges Thema.

Eine meiner letzten musikalischen Erwerbungen war – als Vorbestellung – das Album The Button Jar von Yvonne Rogers, das am 8. Mai 2026 veröffentlicht wird. Ein Stück daraus, Mismatch, ist schon draußen.
Yvonne Rogers stammt aus dem Ort Penobscot, ziemlich abgelegene Stelle in Neuengland.
Growing up on the rural Maine coast, Yvonne began writing music that followed the meditative patterns and systems of nature before having any conventional understanding of theory or harmony. She carries this sense of creative abandon with her wherever she is in the world[.], heißt es auf ihrer Website.

Vielleicht wird sie mal zum Jazzfest Berlin eingeladen, dann gehe ich hin.


Bear with me

In einer manischen oder depressiven Anwandlung, aber lässt sich das immer so klar voneinander trennen, hatte ich vierhundert seit 2013 veröffentlichte Beiträge offline genommen. Jetzt mache ich auf gleichem Wege kehrt und stelle sie alle wieder online, was einige Wochen dauern wird, schätze ich. Diejenigen, die das Blog im Reader abonniert haben, stellen es am besten stumm oder klicken auf die drei vertikal angeordneten Punkte, die möglicherweise einen Namen haben, aber ich kenne ihn nicht, und wählen Alle als gelesen markieren, dann ist Ruhe.

S. hat mir Hélène Bessette empfohlen, von der ich vielleicht schon gehört hatte, als Christian Ruzicska und Susanne Schenzle ihren neuen Secession Verlag in meiner Buchhandlung in Kevelaer vorstellten. Die französische Wikipedia erzählt, dass Bessette vom Ethnologen Maurice Leenhardt entdeckt wurde, als sie für eine Zeitung in Neukaledonien schrieb, wohin sie ihrem Mann gefolgt war, einem Pastor, der die Insel christianisieren wollte, was ihm hoffentlich missglückt ist. Leenhardt erzählte Michel Leiris von ihr, und der sprach mit Raymond Queneau, der für den Verlag Gallimard arbeitete. Queneau setzte einen Vertrag über zehn Bücher auf. Bis 1973 erschienen, immer noch laut Wikipedia, dreizehn Romane von Hélène Bessette bei Gallimard, alle weitgehend unbeachtet, doch bewundert von unter anderen Marguerite Duras, Nathalie Sarraute, Simone de Beauvoir und Dominique Aury, der Verfasserin der Histoire d’O. Danach löste Gallimard den Verlagsvertrag auf, Hélène Bessette schrieb fortan für die Schublade und wurde fast vergessen, worüber sie den Verstand verlor. Erst einige Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2000 wurden ihre Bücher neu aufgelegt, aber in Deutschland sind sie, trotz des Engagements des Secession Verlags, noch nicht so recht angekommen.

Nathalie Sarraute … hatte mal ein halbes Dutzend Bücher von ihr, Folio-Taschenbuchausgaben, weiß nicht, wo die gelandet sind.


16.2. geträumt, antiqu. Buch von Nathalie Sarraute gekauft zu haben. Unter der steifen Kunststoff-Folie gut in Schuss (Leineneinband). Offenbar eine deutsche Ausgabe (Ki & Wi ?)

Hannah Reid von London Grammar singt ja schön, aber Selma Poole macht ebenfalls bella figura, bitte sehr (den Song hat Hannah Reid geschrieben) (Juror Jarle schlägt nicht blindlings auf den Buzzer, sondern wartet einen passenden Moment ab):