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Juni 28, 2026

Erklär mir Liebe

 

Heute Morgen öffnete ich die Fenster weit und setze mich an meinen Schreibtisch. Ein Rotkehlchen singt an meinem Fenster, während ich schreibe. Ich liebe die zarten Töne, die voller Magie zu sein scheinen. Und - ich freue mich, denn während der Tage der extremen Hitze mit über 40°C sangen die Vögel kaum - auf jeden Fall weniger. Im Garten habe ich mehrere Schalen mit Wasser gefüllt und einen Bereich des Gartens feucht gehalten, damit Vögel und Insekten sich erholen, sich etwas ausruhen können, von der Hitze.

In der Nacht hat es gewittert und geregnet, endlich! Trotzdem sind die Temperaturen schon wieder bei 30°C, Tendenz steigend. Heute ist einer dieser Sommertage, an denen auch die Gedanken langsamer werden. Vielleicht ist das gar kein Fehler. Vielleicht räumt die Hitze etwas auf, was schon lange darauf gewartet hat.

Mein Kopf fühlt sich wie Watte an und ich probiere mich ein wenig am herumdenken. Gedanken kommen, setzen sich kurz zu mir und ziehen wieder weiter.  Will ich heute weiter schreiben oder lasse ich mich berieseln von Hörbüchern und spannenden Dokus aus aller Welt, zu allen möglichen Themen? Ich kann mich noch nicht entscheiden und gieße mir eine weitere Tasse Tee ein. Earl Grey und ein wenig Bergamotte, dazu ein Löffelchen Honig und mein Kreislauf scheint zufrieden zu nicken. Kleine Lichtblitze erreichen mein Gehirn: Könnte heute etwas werden. Fahr schon mal den Schreibmodus hoch.

Zwischendurch wandert mein Blick zu den frisch gestrichenen Wänden im Nebenzimmer. Noch steht nicht alles an seinem Platz, einige Bücher warten darauf, wieder ihren Ort zu finden. Es dauert offenbar seine Zeit, bis aus einem Raum wieder ein wohnlicher Ort wird.

Während draußen die Luft flimmert, suche ich weiter nach kühleren Orten. Heute finde ich einen davon bei Ingeborg Bachmann. Warum lese ich eigentlich so gern Autorinnen wie Ingeborg Bachmann oder Virginia Woolf oder die vielen anderen schreibenden Frauen, die ihre Worte in die Welt geschickt haben?

Nicht, weil sie nur von sich erzählen. Sondern weil sie von sich aus zur Welt erzählen. Das ist ein großer Unterschied. Auch das Rotkehlchen handelt nicht nur von mir. Es handelt von Hitze. Von Fürsorge. Von Aufmerksamkeit - und in meinem Fall auch von Liebe. Von einem Sommer, den viele gerade erleben. Und Persönliches kann so zu etwas Allgemeinen werden, das Viele berührt.

Also, Ingeborg Bachmann:

 

ERKLÄR MIR LIEBE

Das Zittergras im Land nimmt überhand,

Sternblumen bläst der Sommer an und aus,

von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,

du lachst und weinst und gehst an dir

zugrund, was soll dir noch geschehen…


 ***** 


 EHE GESTERN UND MORGEN AUFTAUCHEN

 Ehe gestern und morgen auftauchen,

muß ich sie zum Schweigen bringen in mir.

Es ist heute. Ich bin hier und heute.

 

(Ingeborg Bachmann, aus: Malina)






Juni 18, 2026

Der innere Himmel

 


Denn wer den Himmel in sich trägt, wie Geschichten es tun, hat Platz für alle, auch für jene, die nur im Schatten zu existieren glaubten. ET

In meiner Sidebar habe ich vor längerer Zeit ein kleines Gedicht von mir eingefügt. Es kam als Ersatz für Links, die zu externen Seiten führten - und die vor einiger Zeit obsolet wurden, weil die Sache mit der Werbung ins Spiel kam.  So habe ich begonnen, das was als Werbung interpretiert werden könnte, von meinem Blog zu entfernen - und anstelle dessen meine eigenen Gedanken einzufügen.

Der Himmel - warum dachte ich an ihn? Weil er mich an das Erzählen an sich erinnert. Geschichten sind grenzenlos und damit sind sie der Realität überlegen. Sie sind so grenzenlos, wie wir den Himmel wahrnehmen, der in Erzählungen u.a. für Unendlichkeit und Freiheit steht. Ihn in sich zu tragen ist eine Metamorphose, die davon spricht, dass wir etwas Großes, Weites verinnerlicht haben.

Sein Gegenspieler der Schatten, repräsentiert nicht nur in klassischen Sagen Figuren, die in der Regel unsichtbar bleiben. Der nur wenig bekannte französische Philosoph Gaston Bachelard, dachte über die Poetik der Räume nach. In seiner Poetik des Raumes untersuchte er, wie Menschen Räume emotional erleben. Es sind für Bachelard nicht nur geometrische Hüllen, sondern mit Erinnerungen aufgeladene Orte, die mit Intimität und Schutz verbunden werden. Z.B. können eine kleine Dachkammer oder ein Buch in unserer Vorstellung unendlich groß werden.

Die Unendlichkeit in uns: Warum Geschichten dem Vergessenen ein Zuhause geben

Ich finde den Gedanken tröstlich, dass Erzählungen keine engen Räume aus Papier und Tinte sind. Sie sind unendliche Weiten. Geschichten besitzen die einzigartige Kraft, Grenzen einzureißen und damit jenen Stimmen Gehör zuverschaffen, die im Alltag oft unsichtbar bleiben oder an den Rand gedrängt werden.

Wenn wir eine Geschichte lesen oder schreiben, erschaffen wir einen solchen erlebten, bewohnten Raum. In dieser nicht messbaren inneren Weite gibt es keine Ausgrenzung. Hier gibt es keine Mauern, keine engen Schachteln des Denkens, sondern unendlich viel Platz. Auch und gerade für die Menschen, die im Schatten stehen.

Das weiße Blatt als Schutzraum der Seele

Schreiben ist viel mehr als das Aneinanderreihen von Worten; es ist ein Akt der Befreiung, der Selbstfindung, des Träumens und der vielen subjektiven Dinge, die für jede und jeden von uns anders sind. Wenn wir schreiben, bauen wir ein Haus für unsere Seele. Ich teile Gaston Bachelards Meinung, dass das Haus der Inbegriff von Geborgenheit ist – ein Ort, an dem Menschen ungestört träumen und wachsen können. Das leere Blatt Papier wird im Schreibprozess zu genau diesem Haus.

In unserem Leben sind wir häufig zwiegespalten. Wir tragen Verletzungen in uns, ungehörte Worte und jene Anteile, die wir aus Angst vor Ablehnung lieber im Schatten verstecken. Das Schreiben holt diese Schattenanteile sanft ans Licht, ohne sie zu verurteilen. Auf dem Papier dürfen wir unvollständig sein, zerrissen und suchend. Indem wir unseren Schmerz offen schreiben oder in Metaphern kleiden und unserer Trauer eine Stimme geben, verwandeln wir das Chaos der inneren Welt. Schreiben ist der Weg, auf dem wir die verstreuten Scherben unserer Biografie einsammeln und zu einem neuen, tieferen Ganzen zusammensetzen können.

Vom Schatten in den inneren Himmel

Das Schreiben weitet unsere Seele. Die Enge des Alltags, die Urteile anderer und die eigenen Mauern im Kopf beginnen zu bröckeln. Wenn wir schreibend heil werden, geschieht genau das: Wir treten aus dem Schatten unserer eigenen Geschichte heraus und betreten diesen inneren Himmel. Jedes Wort, das wir für das Unaussprechliche finden, nimmt dem Schatten seine bedrohliche Macht. Es ist ein zutiefst transformativer Prozess. Wir erkennen, dass wir nicht die Wunde sind, sondern der Raum, in dem die Wunde heilen darf. In der Unendlichkeit des geschriebenen Wortes finden alle unsere Anteile Platz – die lauten, die leisen, die strahlenden und jene, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie kaum noch einen Namen haben. Wir schreiben uns nicht nur gesund; wir schreiben uns ganz.

Am Ende sind es die Geschichten, die uns daran erinnern, wer wir im Tiefsten unseres Wesens sind: Menschenwesen von unermesslicher Weite. Wenn wir schreiben, heilen wir nicht nur uns selbst, sondern wir halten auch die Tür für jene Welten offen, die im Lärm des Alltags oft untergehen. Wir schenken dem Schatten Raum und verwandeln ihn in Licht. Der Himmel, den wir in uns tragen, ist kein fertiges Gemälde – er ist ein unendlicher Raum, den wir mit jedem geschriebenen Wort neu erschaffen.

Ein Impuls, eine kleine Schreibübung für euren inneren Himmel

Wenn ihr selbst die heilende Kraft des Schreibens erfahren und euren inneren Raum weiten möchtet, nehmt euch ein paar Minuten Zeit, ein schönes Blatt Papier und einen Stift.

  • Den Raum betreten: Schließt für einen Moment die Augen. Atmet tief ein und aus und versucht, euch einen unendlich weiten, stillen Raum – euren ganz persönlichen inneren Himmel, vorzustellen.
  • Den Schatten einladen: Fragt euch mit Zartheit: Welcher Anteil von mir stand in letzter Zeit im Schatten? Ist es eine leise Traurigkeit, ein unerfüllter Traum oder ein Wort, das nie ausgesprochen wurde?
  • Dem Schatten Raum geben: Beginnt zu schreiben. Schreiben ohne Filter, ohne auf Grammatik oder Logik zu achten. Beginnt, wenn ihr mögt, einfach mit dem Satz: „In meinem inneren Himmel ist heute Platz für...“ und lasst den Stift fließen.

Erlaubt euch, dass dieser Schreibprozess, einfach nur auf dem Papier zu existieren braucht. Beobachtet, wie der innere Raum größer wird, während ihr schreibt.

 

 





 


November 22, 2024

Geschichten


 Hexenhaus, Magie oder Metapher ?

Werden Menschen geformt von eigenen Energien und Kräften? Oder sind es die Geschichten, die in ihnen und um sie herum geschehen. Formen Menschen Geschichten? oder ist es denkbar, dass es genau umgekehrt passiert? Erkennen Menschen Muster, Gedanken und Melodien die sie formen oder sind es vereinfacht gesagt, Muster, Gedanken und Melodien, die Menschen "bilden", die schon lange vorher in ihnen verwoben waren, sind?

Berührt sein von Leben heißt, vielleicht, habe ich das was geschieht tatsächlich gespürt. Oder  es ist ein Echo, eine  Antwort auf eine Vergangenheit, die nicht zwangsläufig von mir gelebt und erlebt worden ist. Ist es Teil meiner Lebensgeschichte, meines Lebensfadens oder ist es  ein fremder Teil eines fremden Lebens, das um mich herum und in mir gelebt, verwoben wurde, gar noch gelebt wird.  

Wie können wir uns selbst erklären, uns selbst verstehen, ohne in einen Strudel aus Fragen zu geraten, zu deren Antworten wir keinen Zugang haben. Alte Denk-und Glaubensmuster existieren nicht mehr. Kirchliche und familiäre Wegweiser gehören oft der Vergangenheit an. Werte, die unsere Eltern noch mit gutem Gewissen vermittelt haben, scheinen obsolet. Wir ziehen es vor, nur uns selbst zu vertrauen. Was eine gute Sache ist, wären da nicht die vielen alten Glaubensmuster und Werte, die für unsere Eltern Gültigkeit hatten, die ihr Leben bestimmten, es zu einer Gemeinschaft verwoben haben - und, die in unser heutiges Leben hinein wirken. Und: trotz allem scheint es, dass sie sich nicht  als tragende Werte entpuppt haben. Ob sie sich dessen bewusst waren oder nicht, haben sie diese Werte aber im Rahmen unseres Sozialisationsprozesses an uns vermittelt. Sind wir uns dieser Mechanismen bewusst, die unser Leben und damit unsere Werte bestimmen oder ziehen wir es vor, zu verneinen, zu negieren und unsere eigene Werte zu kreieren? Und weiter und wieder gefragt, welchen Wert stellen die Fixpunkte, Eltern und Gesellschaft und unsere eigenen, in unserem Leben dar? 

Wir alle lieben Geschichten, die ein "gutes Ende" haben. Doch was, wenn es uns nicht gelingt, ein gutes Ende, geschweige denn, noch davor, ein gutes Leben zu leben, für unsere Lebensgeschichte zu schaffen? Und weiter: Sind wir uns dessen bewusst, dass Zuordnungen nicht für ein ganzes Leben taugen? Dass wir Kapitel für Kapitel neue Heimaten suchen und finden müssen/ sollen/ dürfen? Wissen wir um die Kraft, die in Geschichten steckt?


Schwester Gretel hat, um ihren Bruder zu retten, die Hexe in den Ofen gestoßen. Bravo, ruft das Publikum. Sie hat die Geschichte erkannt und sie zu einem guten Ende geführt. Nebenbei bemerkt, Gretel  muss sich auch nicht länger mit der Frage herumschlagen, was sie am Los ihres Bruders hätte "verbessern", ändern können. Im Sinne von "wenn nicht er ...  dann wäre ich in die Hände der Hexe gefallen ...". War es ein Akt des Mitgefühls oder stand der Wunsch, sich selber zu retten im Mittelpunkt? Wir wissen es nicht oder wollen es nicht wissen und vielleicht ist es ein guter Zeitpunkt, diese Geschichte nun loszulassen. Es ist passiert, schreiben die Brüder Grimm, die Geschichte ist vorbei und Hänsel ist gerettet. 

Beide Protagonisten dürfen jetzt die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Das Muster des Helden und der Retterin ist bedient und ruft nach einer neuen Herausforderung. Jetzt können auch wir die Geschichte beruhigt loslassen und uns nach einer anderen umsehen. Nach neuen Erfahrungen, neuen Entscheidungen und neuen Mustern.


Nebenbei? und hoffnungsvoll:  Swami Sivananda sagt: 

Alle Fähigkeiten, Energien und Kräfte liegen in dir verborgen. 

Entfalte sie und werde frei und groß.









August 09, 2024

Still und leise

betrete ich wieder das Bloggerland und meinen Blog. Was war, ist der Grund für meine Pause. Eine Schreibblockade? Gesundheitliche Gründe? Das Leben, einfach? Oder ist da noch mehr ...

Vielleicht gelingt es mir heute und/ oder in den kommenden Postings, die letzten Monate ein wenig zu beschreiben. 

Bedanken möchte ich mich herzlich bei allen lieben Menschen, die hier vorbeischauen und das Blaue Haus besucht haben, auch wenn es nichts Neues gegeben hat. 

Mein derzeitiges Fernstudium, "Kreatives Schreiben" ist auch zu kurz gekommen. Ich überlege, ob es die heißen Sommertage waren, die zu viel Kraft gekostet haben, denn hier im Norden Niedersachsens war das Wetter schön. Wir sind verschont geblieben von Überschwemmungen, Mega-Gewittern und zerstörerischen Stürmen. 

Der Ausgangspunkt für mein "wofür" - im Sinne von wofür mache ich etwas, z.B. das Schreiben, mäandert fröhlich um mich herum. Es gibt so viele Dinge, die ich tun möchte und kann mich dann nicht für etwas entscheiden. Also: wo ist mein mentales Gleichgewicht und wo betreibe ich Selbstsabotage und wie sieht es mit den dazugehörigen Gründen aus?

Das sind Fragen, auf die ich Antworten suche. Für eine Weile entscheide ich mich dafür, dass nicht der Weg das Ziel ist, sondern dass das Ziel wichtiger als der Weg ist. Was meint ihr dazu? Ist der Weg wichtiger als das Ziel oder fokussiert ihr einen Fixpunkt, zu dem hin ihr euch aufmacht. Es bleibt spannend.