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Get these predators out of here! Robert Pattinson als manischer TV-Host in „Primetime“

Robert Pattinson ist fantastisch in „Primetime“. Er spielt Chris Hansen, den Host einer Reality-TV-Sendung, die (mutmaßlich) pädokriminellen Männern eine Falle stellt. Ein faszinierender und weirder Film, eine große Empfehlung.


MarriedAndLookingForFun31313, CrazyFrog73 und WrestlingDudeEastTX stehen als Figurennamen im Abspann von „Primetime“. Es sind die tatsächlichen Usernamen von Männern, die zwischen 2004 und 2008 mit Minderjährigen gechattet haben und sie treffen wollten. Zumindest dachten die Männer das. Mitglieder des Vereins Perverted Justice arbeiten mit der NBC-Show „To Catch a Predator“ zusammen, sie geben sich online als Minderjährige aus und versuchen ein Treffen mit den Männern auszumachen.

Auf diese Männer warten dann – zunächst versteckt – ein Kamerateam und Polizei in eigens angemieteten Häusern. Schauspieler:innen über 20 gaben sich als die minderjährige Person aus dem Chat aus, die nach einer kurzen Begrüßung stets verschwand, um „etwas aus der Küche zu holen“.

Dann kommt der Auftritt von Chris Hansen, dem Host der Sendung „To Catch a Predator“, der in „Primetime“ von Pattinson gespielt wird. Und dieser Hansen genießt seine Auftritte. Jede Treppe wird zur Showtreppe, dieser Mann ist ein Entertainer, bei dem jede Gestik, jedes Wort und vor allem jeder Blick sitzt. „My name is Chris Hansen, I’m with Dateline NBC and we are doing a story on adults who try to meet teens online“, sagt Hansen zu MarriedandLookingForFun31313, aber noch mehr zu einem immer größer werdenen Publikum der Sendung. Auf den User wartet die Polizei vor der Tür, auf Hansen der Ruhm. Aber der Ruhm, so erzählt es Hollywood seit Jahrzehnten in vielen erfundenen wie wahren Geschichten, hat immer einen hohen Preis.

„Primetime“, der Titel spoilert es ja eh schon, ist kein Film über Pädophilie oder Pädokriminalität, sondern eine Mediensatire mit Thriller-Anstrich über Quotenjagd, zerfließende moralische Grenzen – und natürlich Reality-TV. Das läuft schon in den 1990er Jahren vor allem in den USA sehr erfolgreich, die 2000er Jahre sollten dann auch in Europa mit Formaten wie „Big Brother“ die Blütezeit von Reality-TV einläuten. Es sei ausbeuterisch, reißerisch, voyeuristisch und manipulativ, wurde dem Genre oft vorgeworfen, gerade deswegen war es wohl auch so erfolgreich. Fernsehen ist damals – vor Internet, Streamingportalen und Social Media – noch im Zentrum der Medienaufmerksamkeit.

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Szenenbild aus dem Film „Primetime“

Als 2004 die letzte Episode von „Friends“ läuft, schauen über 50 Millionen Amerikaner:innen zu. Fernsehserien sind Gesprächsthema und Referenzpunkte. Wir wissen das damals noch nicht, aber „Friends“ ist einer der Endpunkte der TV-Monokultur. Nach „Friends“ suchen alle Fernsehstationen nach dem „Next big thing“ und das „Friends“-Spin-off „Joey“ ist es schon mal nicht.

NBC-Chef Jerry Zucker (der sich hier selbst spielt) sagt, er ist kein Fan von „To Catch a Predator“, aber es ist ein Hit – und soll zur Primetime laufen, also 21.00 Uhr, als Konkurrenz zur Abenteuer/Mystery-Serie „Lost“. Die Beatles verkündeten mal, sie würden größer als Jesus werden, Oasis haben mal verkündet, sie sind „bigger than the Beatles“ und Pattinson steht als Chris Hansen am Gang bei NBC und schüttelt seine Produzentin Andie (Merrit Weaver) ekstatisch bei den Schultern und ruft: „We are going to be bigger than ‚Lost‘!“

Pattinson setzt seinen sensationellen 2026er-Lauf fort; nach „The Drama“ und „The Odyssey“ und vor „Dune: Part Three“ spielt er hier auf eine Art und Weise, wie man ihn noch nie gesehen hat. Manisch und mit großen Gesten legt er Chris Hansen an. Wir sehen ihn gebückt vor dem Garderobenspiegel sitzend, die Chatprotokolle der Männer lesend, auf die er gleich treffen wird. Pattinson nennt Hansen eine Mischung aus Jerry Maguire und Dracula.

Aber Pattinson spielt hier nicht nur den Archetypen des Medienvertreters, der irgendwann Bertolt Brecht umdichtet und findet, zuerst kommen die Quoten und dann die Moral. Hansen ist in „Primetime“ auch ein Mann, der sich in etwas festbeißt und langsam den Bezug zur Realität verliert und den Pfad des „descent into madness“ beschreitet – auch das ist ein Archetyp des Kinos. So wie Pattinson spielt, haben wir das (und ihn) allerdings noch nie gesehen. Die Zähne bleckend, theatralisch Mundwasser ausspuckend und schließlich verbissen auf der Suche nach einem Coup für seine Sendung.

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Der famose Skyler Gisondo

Begleitet auf dieser Reise in moralisch mehr als fragwürdiges Terrain wird er von Produzentin Andie und einem jungen Schauspieler namens Dan. Auch diese Figuren – fantastisch gespielt von Merritt Weaver und Skyler Gisondo – hadern immer wieder mit dem Projekt „To Catch a Predator“, aber man kennt das ja: There is no business like show business. Dan ist zunächst einfach nur glücklich, einen Schauspielcredit zu bekommen. Das ist wichtig, um Mitglied der Screen Actors Guild (SAG) zu werden. Beim Casting stimmt er noch hoffnungsfroh einen Song aus dem Musical „Rent“ an und wird gleich gestoppt. Ob er denn wisse, wofür er hier vorspreche.

Kurz darauf steckt er in kurzen Hosen, rasiert sich die Brust und versucht, seine Stimme jünger klingen zu lassen. Er ist der Lockvogel, der im Haus kurz mit den Männern spricht, die sich mit vermeintlich Minderjährigen verabredet haben. Oft haben diese Männer aber kein Interesse an Small Talk und sprühen sich gleich mal Schlagsahne auf den Penis. Aber wenn Hansen einem auf die Schulter klopft und sagt, man würde gemeinsam mit ihm „cleansing the world of an ancient evil“, dann kann man auch nicht das Handtuch werfen.

Gary Oldman hat in einem Interview mit dem „Playboy“ mal Reality-TV als „The Museum of Social Decay“ bezeichnet; „Primetime“ bildet einen Trakt dieses Museums ab. Entertainment, Justiz, Polizei formen sich hier zu einem fragwürdigen Ungetüm. Regisseur Lance Oppenheim vergleicht das Format und die Sehnsucht des Publikums nach Bestrafung mit einem mittelalterlichen Pranger. „Primetime“ fragt nicht nach Mitleid mit den pädophilen oder pädokriminellen Männern, es stellt aber recht deutlich dar, dass die Verquickung von Show und Justizapparat keine gute Idee sein kann.

Was den Film so faszinierend und interessant macht, ist auch die Inszenierung. Das hier hätte auch ein recht basic True-Crime-Thriller sein können, doch von Anfang an ist etwas herrlich weird im Look und der Erzählweise von „Primetime“. Tageslicht gibt es hier kaum, der Film spielt oft in der Nacht und wird auch thematisch immer düsterer, je mehr sich Hansen in die Idee verbeißt, einen größeren Fisch, einen „whale“ fangen zu müssen. Hansen wird zu Captain Ahab auf der Suche nach Moby Dick. Immer mehr erinnert der Film gegen Ende an den Style von Ari Aster, der hier als Produzent an Bord war. Doch wer den Teasertrailer zu „You Can See Everything“ gesehen hat – der nächste Film von Oppenheim –, der kann erkennen, dass Oppenheim ein Händchen für Weirdness hat.

Bei den Filmfestspielen in Venedig gab es Applaus für „Primetime“, nur der echte Chris Hansen nennt den Film „reine Fiktion“ und eine „Beleidigung“ – zwar steht zu Beginn des Films nur „inspired by true events“, doch man kann nachvollziehen, dass Hansen diese Darstellung seiner selbst nicht wirklich etwas abgewinnen kann – man versteht aber auch Oppenheims Faszination mit dem Showhost. „I grew up with the idea of Chris Hansen as this crusader. When I watched the Cameo (hier kann man Hansen für Grußbotschaften buchen, Anm.), it became clear to me that he was almost embracing this cultural mythology around him. It was like seeing ‚the man becomes meme‘.“, so Oppenheim hier.

„Why don’t you have a seat over here?“ war eine Catchphrase von Chris Hansen in „To Catch a Predator“. Ich kann allen nur empfehlen, im Kino Platz zu nehmen, denn mit seiner Mischung aus Satire, Arthouse-Horror und Fragen zur Definition von evil ist „Primetime“ ein Film des Jahres.