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5 Dinge, die wir am ersten WM-Spieltag gelernt haben
Der erste Gruppenspieltag der Männer-Fußball-WM in Nordamerika ist vorbei, und alle 48 Teams haben einmal gespielt. Zeit für ein erstes, kleines Resümee.
1) Die Kleinen wehren sich, oft sogar erfolgreich
Das österreichische Team hat es am eigenen Leib erfahren, aber Portugal, Spanien, Deutschland, die Schweiz, Kanada, Belgien, Kolumbien, Norwegen, Argentinien und Uruguay auch: Die sogenannten Kleinen, die Teams aus den unteren Stockwerken der Weltrangliste, die Jordaniens, Usbekistans und Kapverdes, wehren sich erfolgreich gegen die Großen.
Auch wenn wie im Falle von Jordanien, Curacao, Irak oder Usbekistan am Ende kein Punktgewinn steht: Alle WM-Debütanten haben entweder ihr erstes Tor oder ihren ersten Punkgewinn bei einer WM verbucht.
Auch ein zwischenzeitlicher Ausgleich kann den Favoriten schon einmal einen gehörigen Schrecken einjagen – und den gab es in sehr vielen Spielen von Klein gegen Groß.
2) Die Cooling Breaks verändern das Spiel
Am augenscheinlichsten war es im Spiel von Deutschland gegen Curaçao: die Favoriten hatten rund um den Ausgleich große Probleme gegen die Spieler aus Curaçao und ihren Trainerfuchs Dick Advocaat, der seinen Counterpart Julian Nagelsmann taktisch mit einer Raute im Mittelfeld überrascht hatte. Ein zweites Gegentor wäre durchaus möglich gewesen, und wir kennen das ja: Wenn der Favorit zurückliegt, dann steigt der Druck, plötzlich tauchen die Debakel der Vorrunden der letzten zwei WMs im Hinterkopf auf. Jetzt bräuchte Nagelsmann dringend eine kleine Auszeit, um auf die fiese Taktik seines Gegenübers reagieren zu können – tadaa: Da pfeift der Schiedsrichter im vollklimatisierten Stadion in Houston zur Cooling Break. Und der Rest ist ein Mineirazo.
Die Cooling Break ist eine typische FIFA-Erfindung: begründet mit moralischem Gesäusel (über die Gesundheit der Spieler und die Fairness, dass alle Spiele gleich ablaufen) und in Wahrheit nützlich auf dem Feld vor allem für die Großen, die Spieler haben, die sich taktisch schnell umstellen können – und neben dem Feld für Werbepausen, sprich: Geld, Geld, Geld.
Aus dem Fußball, der immer auch davon gelebt hat, dass die Mannschaften vor und nach der Halbzeitpause eine Dreiviertelstunde auf sich allein gestellt waren, wird damit ein anderes Spiel. Und ich traue mich wetten, dass uns die fixen Cooling Breaks zur Mitte der Halbzeiten auch nach der WM noch begegnen werden. Ob mit Klimaanlage oder ohne.
3) Alt ist das neue jung
Man muss nicht gleich den Spitznamen Omilein haben, wie der kapverdische Torhüter („Vozinha“). Auch Deutschland und Mexiko setzen auf die geballte Lebenserfahrung von vier Jahrzehnten zwischen den Pfosten.
Aber auch auf dem Feld geigen die Alten groß auf, naja: Lionel Messi hat groß aufgegeigt. Sein selbst ernannter Counterpart konnte dem portugiesischen Fehlstart nichts entgegensetzen, im Gegenteil: Alle-Bälle-zu-Ronaldo ist schließlich leichter zu verteidigen als ein variables Offensivspiel, wie WM-Rückkehrer DR Kongo im Spiel gegen Portugal gezeigt hat.
Geliefert hat auch die Generation Haaland/Kane/Mbappé/Havertz, die ganz Jungen haben noch Nachholbedarf, was aber auch an den Nachwirkungen der Verletzungen liegt, die Lamine Yamal, Jamal Musiala und Nico Williams ins Turnier mitschleppen.
Ach ja: das hysterische Gekreische im Stadion, sobald kein normalsterblicher Fußballspieler am Ball ist/ein Tor schießt/eingewechselt wird, sondern ein sogenannter Superstar, nervt immer noch.
4) Das Spiel überdeckt nicht alles
Wir kennen es von früheren WMs, Qatar, Russland, auch Brasilien und Südafrika: Vor der WM werden kritische Hintergrundgeschichten verfasst über Land und Leute, das Gebaren der Regierenden und der FIFA-Granden, aber sobald der Ball rollt, ist nur noch das Spiel im Mittelpunkt.
So hätte es die FIFA diesmal auch gern gehabt, und obwohl die WM bis jetzt fußballerisch überraschend viel Spaß macht, sind die Nebengeräusche diesmal einfach zu laut und zu zahlreich: das Hickhack um die Einreise der iranischen Spieler und Offiziellen und um das Verbot der iranischen Oppositionsflagge im Stadion (das ganz offensichtlich nicht durchsetzbar war), die Proteste der mexikanischen Lehrergewerkschaft, immer wieder Meldungen von abgelaufenen Visa oder Problemen bei der Einreise, das alles nimmt einfach zu viel Einfluss aufs Spiel selbst.
Und rund um den fußballerisch sehr talentierten, offen evangelikalen deutschen Mittelfeldspieler Felix Nmecha ist nach dem Auftaktspiel eine politische Debatte erst entstanden, die sich noch ziemlich auswachsen kann. Nmecha hatte auf Nachfrage beim Fernsehinterview erzählt, dass er sich nach dem Spiel mit evangelikalen Glaubensgenossen beider Teams zu einem Gebetskreis getroffen hatte.
In der Vergangenheit war er mit missionarischen Postings aufgefallen, die von sehr vielen als homo- und transphob aufgefasst wurden, nur nicht von ihm selbst, und mit dem Bekenntnis zu seiner Verbundenheit mit dem erschossenen, rechtsextremen US-Aktivisten Charlie Kirk.
5) Die WM findet am Handy statt
Kann sich noch wer dran erinnern, dass wir Fußballspiele mal gemeinsam im Park auf einer großen Leinwand geschaut haben? Das ist die zweite Männer-WM hintereinander, wo gemeinsames Schauen aka Public Viewing keine Rolle spielt. Auch Fernseher im Einbauschrankformat waren gestern, die WM findet am Handy statt: Wenn alle in der Straßenbahn gleichzeitig dasselbe Spiel streamen, dann ist das auch eine Art von Public Viewing.
Diese WM findet noch dazu extrem auf Social Media statt: Wir sehen Engländer in Dallas in der Cheese Cake Factory, Schotten mit Irakern tanzen, tausende Fans aus Österreich oder aus den Niederlanden singend und tanzend beim Fanmarsch, zum Erstaunen der Einheimischen.
Und: Die Topfavoriten sind England, Frankreich und Argentinien
Die haben gezeigt, dass sie stabil und durchsetzungsstark sind, taktisch variabel und dass sie einen breiten Kader auf höchstem Niveau haben. Ein Stockwerk drunter dürfen es sich Spanien, Deutschland, Marokko, Brasilien und Portugal gemütlich machen, das Schild „Geheim“ an der Tür haben Ecuador, Senegal, Elfenbeinküste, Niederlande, Kroatien, Mexiko, Norwegen und die USA.
Alle anderen sind dann schon sehr geheim, bis Anfang nächster Woche zumindest. Huch, jetzt hab ich Österreich vergessen.