Der große Radlersonntag

Harald TribbüneEigentlich sollte es ein fröh­lich­er Sing- und Radel­son­ntag wer­den. Fam­i­lien soll­ten durch Ibbtown radeln, Musik­grup­pen auftreten und die verkauf­sof­fene Innen­stadt beleben. Doch schon am frühen Mor­gen zeigte sich, dass ein erhe­blich­er Teil der Bevölkerung die Ver­anstal­tung als „Sing- und Radler­son­ntag“ begrif­f­en hat­te. Bin­nen weniger Stun­den waren sämtliche Getränkemärk­te von Men­schen belagert, die nach Brause­bier ver­langten. Die Folge: spon­tane Gesangs­dar­bi­etun­gen an Orten, die dafür wed­er vorge­se­hen noch akustisch geeignet waren. Unser Reporter Har­ald Trib­büne spricht mit Ort­spolizist Siegfried Knöller­mann.

Herr Knöller­mann, wann merk­ten Sie, dass etwas aus dem Rud­er läuft?

Ja nun, so gegen Vier­tel vor zehn. Da meldete Herr Kisten­brink vom Getränke­markt Leergut ungewöhn­lich hohe Verkauf­szahlen bei Radlern. Zunächst dacht­en wir an gutes Wet­ter. Dann ging der erste Notruf ein.

Was war passiert?

Herr Sülz­mann aus Laggen­beck hat­te nach drei geex­ten Flaschen Radler beschlossen, den Ein­gangs­bere­ich des Mark­tes zur Freilicht­bühne zu erk­lären. Er schmetterte sämtliche Stro­phen von „Du hast mich tausend­mal bel­o­gen“, obwohl ihn mehrere Pas­san­ten darauf hin­wiesen, dass er ger­ade vor einem Pfan­dau­to­mat­en stand, der immer zuver­läs­sig war.

War das bere­its der schwierig­ste Ein­satz?

Lei­der nein. Gegen elf Uhr mussten wir zu einem Schuhgeschäft aus­rück­en. Frau Klinken­berg hat­te die Schuhaus­lage als Chor­tribüne missver­standen. Gemein­sam mit ihrem Kegel­club sang sie dort „Nur noch Schuhe an“. Prob­lema­tisch war, dass sie während­dessen ver­suchte, den Kun­den orthopädis­che San­dalen als Fanar­tikel zu verkaufen.

Gab es weit­ere Vor­fälle?

Zahlre­iche. Beson­ders her­aus­fordernd war Herr Borken­feld. Der hat­te sechs Radler kon­sum­iert und anschließend die Roll­treppe eines Kaufhaus­es für eine Konz­ert­tournee gehal­ten. Er fuhr über zwei Stun­den auf und ab und kündigte jede Fahrt als „Zusatzkonz­ert für die obere Etage“ an. Gegen Mit­tag hat­ten wir einen spon­ta­nen Män­ner­chor im Ein­gangs­bere­ich eines Bau­mark­tes. Angetüdelte Garten­bauer san­gen auss­chließlich „Wahnsinn“ von Wolf­gang Petry. Dreiund­vierzig Mal hin­tere­inan­der.

Wann wurde die Lage kri­tisch?

Gegen 14 Uhr am Kreisverkehr. Herr Mer­schkamp hat­te den Kreisverkehr zur Open-Air-Are­na erk­lärt. Mit einem Radler in jed­er Hand dirigierte er den Verkehr und forderte Aut­o­fahrer auf, den Refrain von „Ein­mal um die ganze Welt“ mitzusin­gen. Dafür gin­ge dann die näch­ste Runde rück­wärts. Der Rück­stau reichte bis zur näch­sten Ampel.

Gab es auch kuriose Einzelfälle?

Frau Pöm­pers bezog Stel­lung in ein­er Bank­fil­iale und inter­pretierte dort laut­stark „Mon­ey, Mon­ey, Mon­ey“. Das Per­son­al hielt die Sit­u­a­tion zunächst für einen Über­fall und ein Geisel­be­freiungskom­man­do rück­te aus, wurde aber am Kreisverkehr aufge­hal­ten.

Wie endete der Tag denn dann?

Rel­a­tiv friedlich. Gegen Abend waren die meis­ten Teil­nehmer heis­er. Herr Borken­feld ver­ab­schiedete sich mit ein­er let­zten Roll­trep­pen­fahrt. Frau Klinken­berg kaufte tat­säch­lich ein Paar San­dalen. Herr Mer­schkamp erk­lärte den Kreisverkehr für geschlossen und Frau Pöm­pers ist wohl auch bald aus der U‑Haft wieder raus.

Und was ist ihre Bilanz des Tages?

1.200 Rad­fahrer, 3.400 Radler, 27 spon­tane Chöre, ein besun­gener Leergutau­tomat und ein Kreisverkehr, der kurzzeit­ig als Kul­turstätte galt. Immer­hin wurde gesun­gen.

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Schildbürger

Harald TribbüneEigentlich wollte man nur erre­ichen, dass Kun­den ein­fach­er einen Park­platz find­en. Heute besitzt die Orts­durch­fahrt von Laggen­beck mehr Schilder pro Meter als manche Nation­al­parks Wan­der­wege. Die Stadt spricht von ein­er rechtssicheren Lösung. Kri­tik­er sprechen von einem Freilicht­mu­se­um deutsch­er Ver­wal­tungskun­st. Unser Reporter Har­ald Trib­büne trifft Ord­nungsamt­sleit­er Franz Schild­wächter.

Herr Schild­wächter, rund 30 neue Schilder für knapp einen Kilo­me­ter Orts­durch­fahrt. Ist das nicht etwas viel?

Ja nun, im Grunde über­haupt nicht. Man muss die Schilder als Gesamtkonzept betra­cht­en. Ein Schild allein ist ori­en­tierungs­los. Erst mehrere Schilder gemein­sam ent­fal­ten ihre ord­nende Wirkung.

Manche Bürg­er sprechen bere­its von einem Schilder­wald.

Das ist über­trieben. Ein Wald set­zt ein gewiss­es Maß an Unüber­sichtlichkeit voraus. Unsere Schilder ste­hen geord­net.

Der Wun­sch der Gewer­be­treiben­den war doch lediglich, dass Park­plätze nicht den ganzen Tag block­iert wer­den. Und daraus ent­standen 30 Schilder.

Das nen­nt man Rechtsstaat. In anderen Län­dern stellen sie ein Schild hin und hof­fen das Beste. Wir stellen 30 Schilder hin und wis­sen das Beste.

Selb­st der Vor­sitzende der Wer­bege­mein­schaft sagte, mit dieser Menge habe er nicht gerech­net.

Ja, sowas hören wir öfter. Viele Men­schen unter­schätzen die Möglichkeit­en des Verkehrsrechts.

Warum braucht man für einen Park­platz über­haupt ein eigenes Schild?

Weil jed­er Park­platz indi­vidu­ell gewürdigt wer­den muss. Stellen Sie sich vor, ein Park­platz hätte zwei Stun­den Parkzeit, der näch­ste dreißig Minuten und ein drit­ter gar keine Regelung. Ohne Schild würde völ­lige Anar­chie aus­brechen.

Mir wurde berichtet, dass bere­its weit­ere Beschilderun­gen geprüft wer­den.

Das ist richtig. Wir denken über Hin­weiss­childer nach, die auf die Parkscheiben­schilder aufmerk­sam machen.

Schilder für Schilder?

Die Bürg­er sollen schließlich den Überblick behal­ten. Der wird auch dadurch gewährleis­tet, dass wir die kom­mende Tem­po-30-Zone wahrnehm­bar beschildern. Außer­dem prüfen wir ein Ori­en­tierungss­child mit der Auf­schrift „Beginn des Schilder­bere­ichs“. Jed­er Verkehrsteil­nehmer muss die Möglichkeit haben, die Regelung wahrzunehmen.

Let­zte Frage: Wo endet diese Entwick­lung?

Unser langfristiges Ziel ist eine voll­ständig ver­ständliche Orts­durch­fahrt. Das bein­hal­tet natür­lich noch Warn­hin­weise darüber, dass es zwis­chen den Schildern bei unvorherge­se­henen Wet­ter­ereignis­sen zu Gefahren­si­t­u­a­tio­nen kom­men kann.

Und wie viele Schilder braucht man dafür?

Nach ersten Schätzun­gen etwa dop­pelt so viele wie heute.

Vie­len Dank bis hier­her, Herr Schild­wächter. Und wie komme ich aus Laggen­beck wieder raus?

Immer den Schildern nach!

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MinoRATy Report: Wenn die Zukunft schon Bescheid weiß

Harald TribbüneDeutsch­land dig­i­tal­isiert sich. Jeden­falls the­o­retisch. Prak­tisch ist man vielerorts noch damit beschäftigt, Strate­gien zur Beschle­u­ni­gung der Dig­i­tal­isierung zu entwick­eln, deren Umset­zung dann dig­i­tal begleit­et wer­den soll. In Teck­len­book dage­gen blickt man nach vorn. Dort startet nach den Erfol­gen der Dig­i­tal­isierungsstrate­gie 1.0 nun die Strate­gie 2.0. Die Ver­wal­tung spricht von ein­er Smart City.

Unser Reporter Har­ald Trib­büne trifft den Dig­i­tal­man­ag­er Jean-Cloud Blu­tus bei ein­er StIB­B­vis­ite.

Herr Blu­tus, Teck­len­book hat knapp 9000 Ein­wohn­er und soll 260.000 Euro in dig­i­tale Tech­niken investieren. Dafür gibt es Park­sen­soren, einen KI-Chat­bot, Frost­sen­soren und möglicher­weise dig­i­tale Rat­ten­fall­en. Find­en Sie das wirk­lich ver­hält­nis­mäßig?

Ja nun, Sie betra­cht­en da einzelne Pro­jek­te. Wir betra­cht­en jedoch die dig­i­tale Trans­for­ma­tion als Ganzes. Es geht um mod­erne Bürg­erkom­mu­nika­tion, effizien­tere Ver­wal­tungsabläufe, intel­li­gente Daten­nutzung und eine Infra­struk­tur, die die Stadt langfristig zukun­fts­fähig macht. Die eigentlichen Effek­te entste­hen durch das Zusam­men­spiel der Sys­teme. Wir schaf­fen heute die Grund­la­gen für die Ver­wal­tung von mor­gen, die vorauss­chauend arbeit­en kann.

Die Ver­wal­tung von mor­gen find­et also Park­plätze, wälzt die Kom­mu­nika­tion mit dem Bürg­er auf KI ab und überwacht Rat­ten?

Sie reduziert den Park­suchverkehr. Es ist für Anwohn­er schließlich kein Vergnü­gen, immer in die panis­chen Gesichter von The­aterbe­such­ern in ihren Autos zu schauen, die den Anfang ihrer Vorstel­lung ver­passen wer­den. Aber es geht nicht nur um Park­plätze. Es geht um Verkehrslenkung, Daten­er­he­bung und die intel­li­gente Nutzung öffentlich­er Infra­struk­tur. Daraus ergeben sich weit­ere Möglichkeit­en für die Zukun­ft.

Erk­lären Sie mir den Chat­bot.

Bürg­er erhal­ten kün­ftig rund um die Uhr Unter­stützung im Netz. Big Teck, unsere KI, analysiert Anliegen, erläutert Ver­fahren und hil­ft bei der Ori­en­tierung inner­halb der Ver­wal­tung. Das ent­lastet Mitar­beit­er und verbessert den Ser­vice.

Für 260.000 Euro kön­nte man ver­mut­lich auch jeman­den ein­stellen, der ans Tele­fon geht.

Der wäre aber nicht rund um die Uhr ver­füg­bar.

… hätte aber eher das passende Ein­füh­lungsver­mö­gen für irri­tierte Bürg­er. Es klingt immer ein biss­chen so, als wäre die Zukun­ft eine Ausrede dafür, was in der Gegen­wart noch nicht überzeugt. Was ist denn mit dem Mino­RATy Pro­jekt, den dig­i­tal zu erfassenden Rat­ten?

Dort geht es um eine geziel­tere und effizien­tere Schädlings­bekämp­fung auf Basis belast­bar­er Dat­en.

Ich ver­suche nur ger­ade auszurech­nen, wie viel von den 260.000 Euro rech­ner­isch auf jede einzelne Rat­te ent­fällt.

So soll­ten Sie das nicht betra­cht­en.

… sagen erstaunlich viele Men­schen, wenn man anfängt nachzurech­nen. Woran merkt der Bürg­er 2030, dass sich die Investi­tion gelohnt hat?

Wir erwarten eine Effizien­zsteigerung von 20 bis 30 Prozent: Die Ver­wal­tung wird ein­fach­er, schneller und dig­i­taler funk­tion­ieren.

Und wenn nicht?

Dann kommt die Dig­i­tal­isierungsstrate­gie 3.0.

Die Antwort hat­te ich erwartet.

Wir auch.

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Im Schatten des Silos: Über die metaphysische Kraft der Landschaft

Harald TribbüneIm malerischen Nieder­holte, zwis­chen dem König­stein und der stillen Wiese, wurde der diesjährige Poggen­taler ver­liehen – der bedeu­tend­ste Preis für plattdeutsche Kur­z­lyrik im gesamten Teck­len­burg­er Land. Der Poggen­taler ehrt Dichter, die mit weni­gen Sil­ben die Seele der Region tre­f­fen: den Nebel über den Hügeln, den Geruch nach Stall und feuchter Erde und die sturköp­fige west­fälis­che Leben­sart. In diesem Jahr geht die Ausze­ich­nung an den Heimat­dichter Alwin Moos­rüük aus dem Brock­bach­tal. Für seine unnachahm­lichen plattdeutschen Haikus, die zwis­chen Kuh­stall, Ack­er und Schweinestall ent­standen sind, wird er geehrt. Unser Reporter Har­ald Trib­büne traf Moos­rüük auf StIB­B­vis­ite in Nieder­holte.

Herr Moos­rüük, Sie gel­ten seit „Wind överm Ack­er“ als bedeu­ten­der Vertreter der Teck­len­burg­er Stall­gassen-Lyrik. Was treibt Sie an?

Joa nu, wenn de Äsken­wind över’n Gül­len­padd treckt un de Koffiedamp bi Vad­der in’n Schup­pen scheef sitt, denn kümp dat allens ut de Büx­en­tasch vun’t Gemööt.

Man merkt sofort: Ihre Dich­tung speist sich aus einem tiefen Land­schafts­be­wusst­sein. Ist das auch ein Protest gegen die Ent­frem­dung der mod­er­nen Welt?

Ja, ik wul di wat mit mod­ern. De Min­sch mutt wed­der mehr bi de Steck­röven stahn. Nich ümmer blot WLAN un Cap­puc­ci­no-Krams. Een­fach mol wedder’n stillen Ovend an’n Silo.

Das ist bemerkenswert. Sie sehen also den Silo ger­adezu als spir­ituellen Rück­zug­sort?

Dat Silo snackt nich. Dat is ja dat Schöne.

Ihre Haikus kreisen oft um Schweinegat­ter, Mais­si­lage und feuchte Arbeit­s­jack­en. Warum ger­ade diese Motive?

Woke Lüüd schrievt över Tokio. Ik schriev över’n Treck­er bi Niesel­re­gen. Dat lig­gt vör de Döör.

Sie holen also die große Weltlit­er­atur zurück auf den Ack­er.

Jo. Un ok achter’n Ack­er. Bi de Pis­s­rinne langs’n Käl­ber­stall lig­gt men­nich­mol mehr Wohrheit as in düsse Pod­casts.

Das klingt fast philosophisch. Wür­den Sie sagen, dass die plattdeutsche Heimat­dich­tung heute unter­schätzt wird?

De jun­gen Lüüd weet gor nich mehr, woans een woar­men Swien­stall richtig rüükt. Dat is dat Elend. De weten dat gor nich, wat se da ver­passen, Jung.

Ein kul­tureller Geruchsver­lust gewis­ser­maßen.

Exakt. Wenn keen mehr weet, wo feuchte Jutesäck in’n Novem­ber mufft, denn is Europa kaputt.

Sich­er, sich­er. Herr Moos­rüük, zum Abschluss vielle­icht eines Ihrer berühmten regionalen Haikus?

Mor­gens bi Natt —
en Hohn kackt in’n Gül­leneimer.
Keen seg­gt wat.

Ein­dringlich. Und von großer Stille getra­gen. Vie­len Dank und damit zurück ins Stu­dio.

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Mähverbot für Beamte

Harald TribbüneZwis­chen Verkehrssicherungspflicht und Blüten­pracht ver­läuft in Deutsch­land eine unschein­bare, aber hart umkämpfte Gren­ze: der Straßen­rand. Während die einen darin ein Sicher­heit­sprob­lem sehen, ent­deck­en die anderen ein let­ztes Refugium für Insek­ten, Wild­kräuter und gele­gentliche Sin­n­fra­gen der mod­er­nen Ver­wal­tung.

Unser Reporter Har­ald Trib­büne spricht hierzu mit Flieg­wart Biekieper, Biotop­beobachter, Hum­mel­ex­perte und Naturschützer mit aus­geprägter Abnei­gung gegen zu frühe Schnittmaß­nah­men und einem fre­und­schaftlich ges­pan­ntem Ver­hält­nis zu Mäh­fahrzeu­gen.

Herr Biekieper, Sie sind empört über gemähte Straßen­rän­der. Warum eigentlich?

Empört ist ein großes Wort. Ich bin eher ökol­o­gisch ent­täuscht mit so Anflü­gen von veg­e­ta­tiv­er Verzwei­flung. Die Rand­streifen waren ger­ade in ihrer Phase der emo­tionalen Sta­bil­isierung angekom­men, da kam schon wieder die kom­mu­nale Frisuren­schere.

Sie meinen die Mäh­fahrzeuge?

Ich nenne sie „biol­o­gis­che Ent­mündi­gungs­geräte auf Diesel­ba­sis“.

Der Kreis argu­men­tiert ja, es gehe um Verkehrssicher­heit, Sicht­felder und Blend­frei­heit. Klingt doch erst­mal vernün­ftig?

Natür­lich klingt das vernün­ftig. Auch „Wir mussten den Regen­wald fällen, damit nie­mand über eine Wurzel stolpert“ klingt erst­mal nach solid­er Schuh­pflege. Aber die zen­trale Frage bleibt: Muss jede Dis­tel ent­lang ein­er kaum befahre­nen Land­straße in Sicht­dreiecks-Haft genom­men wer­den?

Die Ver­wal­tung sagt: 1400 Kilo­me­ter Grün, zehn Fahrzeuge, sechs Wochen pro Zyk­lus. Das ist doch eine logis­tis­che Mam­mu­tauf­gabe.

Ich bewun­dere das. Wirk­lich. Das ist der einzige Bere­ich, in dem Bio­di­ver­sität zuver­läs­sig in Zeit­man­age­ment umgerech­net wird. „Sor­ry Bienen, wir sind ter­min­lich aus­ge­bucht bis zum näch­sten Arten­ster­ben.“

Jet­zt kön­nte man sagen: Weniger Mähen spart sog­ar Geld.

Ja, aber das ist gefährlich. Wenn plöt­zlich ökol­o­gis­che Maß­nah­men auch noch ökonomisch sin­nvoll wer­den, bricht das kom­plette Argu­men­ta­tion­ssys­tem der let­zten 40 Jahre zusam­men. Das ist wie eine Excel-Tabelle, die plöt­zlich Gefüh­le entwick­elt.

Die Untere Naturschutzbe­hörde spricht von „Trittsteinen in der aus­geräumten Agrar­land­schaft“.

Ja, wun­der­schön. Früher hat­ten wir Wälder. Heute haben wir „Trittstein-Konzepte“. Bald kommt das Reh wahrschein­lich nur noch mit Wan­derkarte und Helm durch.

Die Behörde emp­fiehlt sog­ar: Blüten­re­iche Straßen­rän­der so spät wie möglich mähen, im Spät­som­mer oder Herb­st, wenn es die Verkehrssicherungspflicht hergibt.

Ökolo­gie nur unter Vor­be­halt. Solange die Verkehrssicherungspflicht das let­zte Wort hat, bleibt der Schmetter­ling eben ein Risikoob­jekt mit Flügeln. Ich stelle mir das so vor: Die Margerite ste­ht da, endlich in voller Blüte, die Hum­mel hat ger­ade ihren inneren Frieden gefun­den, und dann kommt irgend­wo ein unsicht­bar­er Jurist aus dem Unter­holz und sagt: „Moment, §3 Absatz 2, Naturbe­trieb nur bis Ende Juli.“

Herr Biekieper, seien wir ehrlich: Ein biss­chen Ord­nung am Straßen­rand hat doch auch etwas Beruhi­gen­des.

Abso­lut. Auch ein ster­iles Kranken­haus ist sehr ordentlich. Die Frage ist nur, ob wir die Land­schaft in Rich­tung „Natur oder Warte­saal mit Grün­streifen“ entwick­eln wollen.

Let­zte Frage: Was wäre Ihr radikalster Vorschlag?

Ganz ein­fach: An jede Mäh­mas­chine kommt ein großes, gelbes Schild mit der Auf­schrift: ‚Erst mähen, wenn die Natur aus­drück­lich ihr Ein­ver­ständ­nis erk­lärt hat – per schriftlich­er Zus­tim­mung.‘ Alter­na­tiv führen wir ein basis­demokratis­ches Kon­sensver­fahren ein. Jede Margerite, jede Schaf­garbe und jed­er Klatschmohn wird einzeln befragt.

Das klingt… extrem zeitaufwendig.

Zeitaufwendig? Har­ald, das ist immer noch schneller als der näch­ste Pflegezyk­lus des Kreis­es! Während die zehn Mäher sechs Wochen brauchen, um 1400 Kilo­me­ter Gras zu mas­sakri­eren, haben wir mit der Blu­men­be­fra­gung wenig­stens ein moralisch sauberes Ergeb­nis. Und die Hum­meln bekom­men endlich Mit­spracherecht.

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Kapitel und Korken

Harald TribbüneZwis­chen hal­bleeren Weißwe­ingläsern, vere­inzel­ten Käse­häp­pchen und einem Pub­likum, das auf­fal­l­end oft „inter­es­sant!“ murmelt, macht unser Reporter Har­ald Trib­büne eine StIB­B­vis­ite der Buch­hand­lung „Les­Bar“. Im Kel­lergewölbe des Ladens find­et eine inzwis­chen vom Fach­pub­likum gefeierte Lit­er­aturver­anstal­tung statt. Gast­ge­ber des Abends ist der Buch­händler und Kul­turveredler Her­mann Dekan­tor, der seit Jahren unbeir­rt der Frage nachge­ht, ob regionale Gegen­wart­slit­er­atur wom­öglich weniger gele­sen als vielmehr herun­terge­spült wer­den sollte.

Vor Beginn ein­er Lesung aus dem neuen Teck­len­burg­er-Land-Roman „Wo der Kranich schweigt“ spricht Trib­büne mit Dekan­tor über alko­holgestützte Rezep­tion, nüchterne Fehlurteile und die über­raschend enge Verbindung zwis­chen Prov­inzprosa und Graubur­gun­der.

Herr Dekan­tor, Sie ver­anstal­ten seit Jahren die Rei­he „Lesen mit Pegel“. Für Außen­ste­hende klingt das wie eine Kapit­u­la­tion der Lit­er­aturkri­tik vor dem Getränke­markt. Muss man sich Lokallit­er­atur wirk­lich schön saufen?

Ja, nun. Manche Büch­er öff­nen sich erst ab 1,8 Promille, wie gute Austern oder ver­schlossene Sche­unen­tore. Und es gibt eben Texte, die lesen sich nüchtern wie ein Bebau­ungs­plan mit Liebe­shand­lung. Da gilt es aktiv auszubessern.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Ich musste ein­mal die Mün­ster­lan­dro­manze „Som­mer­herzen an der Aa“ trock­en lesen. Nach Seite drei hörte ich inner­lich Pan­flöten­musik und roch das abge­s­tandene Gewäss­er. Seit­dem arbeite ich präven­tiv mit Graubur­gun­der.

Ist das nicht etwas unfair gegenüber den Autoren?

Im Gegen­teil. Wein ist oft der einzige Lek­tor, der noch ein­greift.

Sie kom­binieren jedes Buch mit einem passenden Getränk. Wie funk­tion­iert das?

Das ist eine Kun­st. Ein Heimatgedicht­band aus Hop­sten ver­langt nach Korn — nicht aus Tra­di­tion, son­dern zur Betäubung der Bin­nen­reime. Für den Bev­erg­ern­thriller „Am Ende der Schleuse“ empfehlen wir einen schw­eren Rotwein, damit wenig­stens irgen­det­was Kör­p­er hat. Und bei Fam­i­lienchroniken aus Met­tin­gen serviere ich grund­sät­zlich Obstler. Da geht es ja ohne­hin um Ver­drän­gung.

Gibt es Werke, die unbe­sauf­bar bleiben?

Lei­der ja. Kür­zlich hat­ten wir eine aut­ofik­tionale Fahrrad­nov­el­le mit 480 Seit­en, „Trinkpause in Püs­sel­büren“. Da reichte selb­st die offene Bar nicht mehr aus. Zwei Gäste wur­den plöt­zlich evan­ge­lisch.

Sie behaupten also ern­sthaft, Alko­hol könne Lit­er­atur verbessern?

Nicht die Lit­er­atur. Die Erin­nerung daran. Nie­mand sagt am näch­sten Mor­gen: „Was für ein meis­ter­hafter Satzbau.“ Man sagt: „Irgend­wann hat eine Frau im Leinen­kleid den Struk­tur­wan­del beklagt, und danach gab es Käsewür­fel.“ Das ist Kul­tur.

Wie reagieren die Autoren selb­st auf Ihr Konzept?

Sehr emo­tion­al. Manche trinken schon vor der Lesung mit, um auf Augen­höhe mit dem Pub­likum zu bleiben. Ein Region­al­lyrik­er aus Led­de fragte mich ein­mal unter Trä­nen, ob man seine Gedichte auch mit Gin kom­binieren könne. Ich sagte: „Nur den drit­ten Zyk­lus. Der erste ver­langt eher nach medi­zinis­chem Ethanol.“

Es gibt Kri­tik­er, die sagen, Sie wür­den die Prov­in­zlit­er­atur ver­höh­nen.

Ach was. Ich liebe Lokallit­er­atur. Wo son­st find­et man zwölf Seit­en Wet­terbeschrei­bung und dann plöt­zlich einen Bestat­ter mit Geheim­nis? Das ist doch unsere kul­turelle DNA. Außer­dem: Wer ein­mal nüchtern eine Lesung mit dem Titel „Trauergesänge der Tüöt­ten“ besucht hat, weiß, dass Spott lediglich Selb­stschutz ist.

Gab es einen Abend, an dem Lit­er­atur und Alko­hol per­fekt har­monierten?

Ja. Ein Abend mit plattdeutschen Haikus und Fed­er­weißer, „Wind överm Ack­er“. Nie­mand ver­stand etwas, aber alle nick­ten bedeu­tungsvoll. Gegen Ende hielt ein Steuer­ber­ater einen Bierdeck­el hoch und sagte: „Das ist eigentlich auch ein Text.“ Da wusste ich: Wir haben den Bil­dungsauf­trag erfüllt.

Zum Schluss: Welche Zukun­ft hat das lit­er­arische Trinken?

Eine große. Wir pla­nen bere­its neue For­mate: „Whisky & Weltkriegserin­nerun­gen“, „Rosé gegen frühzeit­ige biografis­che Erschöp­fung“ und natür­lich unsere Jugen­drei­he „Texte, die auch ohne Vorken­nt­nisse ver­wirren“.

Herr Dekan­tor, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Sehr gern. Möcht­en Sie zum Abschluss noch unseren Stein­häger zur Bock­e­tal­saga „Der Wachold­er hat nur zugeschaut“ pro­bieren?

Muss ich?

Wenn Sie das Buch ver­ste­hen wollen: ja. Wenn Sie es genießen wollen: Nehmen Sie ein­fach die Flasche mit.

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Maskottchensuche

Harald Tribbüne Die Gemein­den im Teck­len­burg­er Land wollen mit der Zeit gehen und sich Wieder­erken­nungswerte ver­passen. Unser Reporter Har­ald Trib­büne besucht Eugen Fold­er-Heibb­mann im gläser­nen Büro sein­er Wer­beagen­tur, irgend­wo zwis­chen Ibbtown und der näch­sten Bud­getrunde.

Herr Fold­er-Heibb­mann, Sie haben für das Teck­len­burg­er Land Maskottchen entwick­elt. Die Gemein­den wollen „Iden­tität schaf­fen“ und „junge Fam­i­lien ansprechen“. Wie weit sind wir da?

Ja, nun. Die Zukun­ft gehört den emo­tion­al aufge­lade­nen Sym­pa­thi­eträgern mit lokalem Bezug und min­i­malem Real­ität­sanspruch.

Min­i­malem Real­ität­sanspruch?

Son­st wäre es ja Ver­wal­tung.

Fan­gen wir an. Sie haben bere­its erste Fig­uren ent­wor­fen?

Natür­lich. Mein per­sön­lich­er Favorit: Teck­si, die Fle­d­er­maus.

Warum eine Fle­d­er­maus?

Teck­len­burg hat Geschichte. Teck­si ist die coole Nachtschwärmerin, geboren in ein­er alten Burgmauer, hat sie drei Stu­di­en­ab­brüche (BWL, Kun­st­geschichte, Influ­encer) hin­ter sich und arbeit­et jet­zt als „kreative Nachtwäch­terin“. Slo­gan: „Teck­si sieht, was du tagsüber über­siehst – näm­lich Poten­zial!“ Per­fekt für die Burg, fürs Nachtleben und fürs Steuers­paren im Dunkeln.

Das wirkt… speziell.

Das ist der Markenkern.

Und für Met­tin­gen?

Met­ti, der Met­tigel. Unser Star! Met­ti ist ein stach­liger Genuss­men­sch. Vita: Ehe­ma­liger Leber­wurst-Aktivist, kon­vertierte zum Mett, weil „die Tex­tur ein­fach ehrlich­er ist“. Er trägt immer ein Brötchen als Hut und sagt Sätze wie: „Met­tin­gen ohne Met­ti ist wie Mett ohne Zwiebel – trau­rig.“ Wir haben schon eine Koop­er­a­tion mit dem örtlichen Schlachter geplant: „Met­tis Mett-Mittwoch“. Und seine beste Fre­undin ist Inge von der Fleis­chheke, die auch…

Mett-Inge genan­nt wird, is klar. Sie hat­ten da noch nichts Fer­tiges zu Ibb…

Doch, doch. Ibbi! Ein ehe­ma­liger „Nachtschicht-Philosoph“ im Berg­w­erk, wo er den Kumpeln unge­fragt Lebensweisheit­en zuflüsterte („Auch im Dunkeln sieht man schwarz“). Nach der Stil­l­le­gung ori­en­tierte er sich neu und arbeit­et heute als selb­ster­nan­nter Struk­tur­wan­del-Berater – allerd­ings auss­chließlich nachts und nur, wenn nie­mand zuhört. Seine größte Schwäche der Tag: Bei Son­nen­licht läuft er gegen Lat­er­nenpfäh­le und hält Tauben für Führungskräfte. Trotz­dem gilt Ibbi als das inof­fizielle Gewis­sen der Stadt – ein wenig ver­rußt, leicht ver­schroben, aber erstaunlich tief­gründig, wenn man lange genug wach bleibt.

Natür­lich.

Dann wäre da noch Lot­ti — eine leicht über­forderte Wildgans, die ständig glaubt, sie sei woan­ders, mal in NRW und mal in Nieder­sach­sen. Hat dreimal ver­sucht auszuwan­dern und ist jedes Mal im Kreis geflo­gen. Arbeit­et jet­zt in der Touris­mus­abteilung von Lotte als leben­des Beispiel für ‚Hier ist auch ganz schön‘.

Wen haben Sie noch?

Dreier­wal­di, der dreibeinige Dack­el.

Warum drei Beine?

Bud­getkürzun­gen. Seit­dem ist er Moti­va­tions-Coach. Sein berühmtester Spruch: „Vier Beine sind Luxus. Drei reichen für den Weg nach vorne.“ Wir haben schon eine TEDx-Teck­len­burg­er-Land geplant.

Herr Fold­er-Heibb­mann… glauben Sie wirk­lich, dass diese Fig­uren das Image der Region verbessern?

Verbessern? Nein. Aber sie machen es unvergesslich.

Und das reicht?

Im Zeital­ter der Aufmerk­samkeit? Har­ald. Die Men­schen wollen keine per­fek­ten Helden mehr. Sie wollen sich selb­st – nur niedlich­er und mit Merch. Für nur 4,8 Mil­lio­nen Euro Beratung­shon­o­rar plus Fol­geaufträge verkaufen wir ihnen genau das.

Die Leser wer­den sich fra­gen, ob das Teck­len­burg­er Land jet­zt gerettet ist – oder ob es ein­fach nur noch mehr Plüsch braucht.

Genau! Und das ist die wahre Iden­tität.

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Schatten überm Volksfest

In den nebli­gen Gassen von Teck­len­book, wo das alte Fach­w­erk im Wind ächzte wie gequälte See­len, nahte das Jahr 2026 – das Jahr der 800-Jahr-Feier. Die Stadt sollte endlich wieder atmen. Fack­elzüge durch die Alt­stadt, Freilicht­spiele, ein großes Bürg­er­fest auf dem Mark­t­platz. Die Men­schen sprachen bere­its mit leuch­t­en­den Augen davon. Ein seltenes, gefährlich­es Leucht­en: das Leucht­en der Gemein­schaft.

Der Jeck has­ste es.

Von seinem kalten Glashaus auf der Anhöhe aus blick­te er hinab auf die war­men Lichter der Alt­stadt und ver­zog das grell geschmink­te Gesicht zu einem schiefen Grin­sen. „Zusam­menkom­men… gute Stim­mung… Erin­nerun­gen…“ Er lachte leise, ein hohes, split­tern­des Geräusch. „Wenn sie erst ein­mal zusam­men­ste­hen und lachen, fan­gen sie an zu reden. Über Preise. Über Häuser. Über mich.“

Er durfte das nicht zulassen.

Also begann der Jeck sein per­fidestes Spiel. Er infil­tri­erte die Vere­ine – leise, unsicht­bar, wie Gift im Brun­nen. Seine Strohmän­ner saßen plöt­zlich in Vorstän­den des Schützen­vere­ins, des Heimat­bun­des, des Musikvere­ins „Har­monie“ und sog­ar beim Kneipp-Vere­in. Mit falschen Ver­sprechun­gen, kleinen Gefäl­ligkeit­en und noch kleineren Dro­hun­gen sorgte er dafür, dass fast jedes Woch­enende des gesamten Jahres plöt­zlich mit Ter­mi­nen zugestellt war: Schützen­feste, Jubiläum­skonz­erte, Wan­derun­gen, Kindertage, Flohmärk­te. Alles par­al­lel. Alles wichtig.

Die Stadtver­wal­tung ertrank in Anfra­gen. Genehmi­gun­gen, Sper­run­gen, Stro­man­schlüsse, Sicher­heit­skonzepte – ein Papierkrieg, den nie­mand mehr überblick­en kon­nte. Bürg­er­meis­ter Zwist stand hil­f­los vor Bergen von Akten. Am Ende blieb nur ein einziger Ter­min: das erste Juni-Woch­enende. Kurzfristig. Not­dürftig. Ohne richtiges Pro­gramm. Die Bock­e­taler — aus­ge­bucht!

Und genau das hat­te der Jeck gewollt.

„Kein Vere­in wird kom­men“, kicherte er nachts, während er die Stadt wie eine Miniatur unter sich sah. „Sie sind alle schon ver­plant. Keine Musik. Keine Stände. Kein Feuer­w­erk. Nur eine trau­rige kleine Feier für ein paar Dutzend ent­täuschte Men­schen. Das Jubiläum wird ein Flop. Und nie­mand wird über Immo­bilien­preise reden, weil nie­mand mehr kommt.“

Es schien, als hätte der Jeck gewon­nen.

Doch in den Katakomben unter dem Torhaus Tecke, wo blaues Fack­elfeuer an den Wän­den tanzte, saß Teck­man auf seinem Thron aus verkohltem Burgge­bälk. Seine ble­ichen Fin­ger glit­ten über alte Stadt­pläne und aktuelle Vere­in­spro­tokolle. Er hat­te die Muster erkan­nt. Die gle­ichen Strohmän­ner. Die gle­ichen ver­schachtel­ten Fir­men. Der Jeck hat­te Spuren hin­ter­lassen – wie immer.

In dieser Nacht ver­ließ der Schat­ten­wächter sein unterirdis­ches Reich.

Er bewegte sich laut­los durch die Stadt, ein pech­schwarz­er Man­tel, der mit der Dunkel­heit ver­schmolz. Zuerst besuchte er die Vor­sitzende des Musikvere­ins. Ein leis­es Klopfen am Fen­ster. Ein Umschlag mit Beweisen: Zahlun­gen, Chat-Pro­tokolle, Erpres­sungsver­suche. Die Frau wurde blass – und sagte alle anderen Ter­mine ab.

Dann der Schützen­vere­in. Ein Schat­ten auf dem Dach, ein Seil, das laut­los durch die Nacht glitt. Der Vor­sitzende fand am näch­sten Mor­gen auf seinem Küchen­tisch die Wahrheit über den „neuen Spon­sor“.

Ein Vere­in nach dem anderen erhielt in jen­er Woche Besuch. Manche durch einen kühlen Hauch im Nack­en und einen Brief. Manche durch ein kurzes, tiefes Gespräch im Dunkeln. Nie­mand sah je das Gesicht. Aber alle hörten die Stimme – ruhig, entschlossen, uner­bit­tlich.

„Die Stadt braucht euch. Jet­zt.“

Am Fre­itag vor dem Jubiläumswoch­enende geschah das Unmögliche: Fast alle Vere­ine sagten ihre anderen Ter­mine ab oder ver­legten sie. Plöt­zlich gab es Kapellen, Schützen, Kinder­grup­pen, His­to­rien-Darsteller, einen ganzen Mit­te­lal­ter-Markt und sog­ar das ver­sproch­ene Feuer­w­erk.

Der Jeck tobte in seinem Glashaus. Er zer­schmetterte einen Mon­i­tor, das schiefe Grin­sen zu ein­er Fratze verz­er­rt. „Er… schon wieder ER!“

Sam­sta­gnacht, als die Fack­eln durch die Gassen zogen und Tausende Men­schen lachend und sin­gend unter dem erleuchteten Torhaus Tecke standen, stand Teck­man hoch oben auf dem Dach der Legge. Der Wind spielte mit seinem Man­tel. Unter ihm strahlte die Stadt wie seit vie­len Jahren nicht mehr.

Der Jeck beobachtete ihn aus der Ferne durch ein Fer­n­glas, die Fin­gerknöchel weiß. Er wusste, dass er diese Schlacht ver­loren hat­te.

Doch als das große Feuer­w­erk den Him­mel über Teck­len­book in Gold und Rot tauchte, hörte man zwis­chen den Explo­sio­nen ein fernes, schrilles Lachen aus den Schat­ten.

Der Jeck war nicht besiegt.

Er war nur stiller gewor­den.

Und irgend­wo in der Menge, zwis­chen all den glück­lichen Gesichtern, flüsterte jemand: „Habt ihr das gespürt? Ger­ade eben… einen kühlen Hauch im Nack­en.“

Teck­man lächelte nicht.
Er wachte nur.

Wie immer.

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Das neue Wahrzeichen

Harald TribbüneIbbtown trauert. Das Kraftwerk, sein langjähriges Wahrze­ichen, ist gesprengt wor­den. Ein Loch in der Sky­line und ver­mut­lich auch in den Herzen der Bürg­er. Hierzu befragt unser Reporter Har­ald Trib­büne den Kreisheimat­forsch­er Erich Dykschädel.

Herr Dykschädel: Wie verkraftet die Heimat­forschung so einen Ver­lust?

Ver­lust? Das ist kein Ver­lust, das ist eine Befreiung! Endlich kön­nen wir zurück zu unseren wahren Wurzeln. Ich präsen­tiere Ihnen hier­mit feier­lich das neue Wahrze­ichen von Ibbtown: den Gelb­sack­baum! Denn Geschichte ist wie ein gel­ber Sack im Wind: Man weiß nie, wo er lan­det, aber man muss doch hin­ter­her­ja­gen. Und deshalb sage ich: Wir brauchen ein neues Wahrze­ichen. Den Gelb­sack­baum!

Den … Gelb­sack­baum?

Ja, nun… Tra­di­tionell bege­hen wir ja schon lange das Gelb­sack­fest. Zweimal monatlich, bevor die Mül­lab­fuhr kommt, schmück­en viele Mit­bürg­er sym­bol­isch die Straßen mit gel­ben Säck­en aus recycel­barem Hochleis­tungs-Poly­ethylen, oft ste­ht ein Gelb­sack­baum an der Ein­fahrt. Die Säcke sind nach­haltig, wet­ter­fest und gelb wie die Sonne über den Bäu­men des Teu­to­burg­er Waldes!

Moment … das Gelb­sack­fest? Ich glaube, ich habe da etwas ver­passt. Seit wann feiern wir denn ein Gelb­sack­fest?

Seit jeher! Das reicht zurück bis zu unserem Stadt­grün­der, dem leg­endären Ibbo dem Tüten­klop­per. Wis­sen Sie noch, wie Ibbo die ver­has­sten Met­tinger Tüöt­ten ver­trieben hat? Im Jahre 1147 – oder 1138, die Quellen sind sich uneinig, weil sie größ­ten­teils in Bleis­tift ver­fasst wur­den – zogen die Met­tinger Tüöt­ten her­an. Sie woll­ten der ibbtown­er Bevölkerung über­teuerte Leinen­taschen ver­hök­ern. „Nach­haltig! Region­al! Mit Kordelzug!“ riefen sie. Doch Ibbo erkan­nte den Schwindel. Er nahm eine dieser Leinen­taschen – ver­mut­lich Größe M – und haute sie den Tüöt­ten um die Ohren. Mehrfach! Die Tüöt­ten sind schreiend zurück nach Met­tin­gen ger­an­nt. His­torisch gese­hen war das der erste doku­men­tierte Akt nach­haltiger Ver­brauchervertei­di­gung.

Und was hat das jet­zt mit Gel­ben Säck­en zu tun?

Die Vertrei­bung der Tüöt­ten? Na, die Sym­bo­l­ik liegt doch auf der Hand! Die Ibbtown­ies schworen daraufhin: Nie wieder über­teuerte Taschen! Stattdessen ran­nten sie gefühlt noch Jahrhun­derte lang mit East­paks herum — eine klare Absage an das Leinen. Die Gel­ben Säcke, die sich far­blich am Stadt­wap­pen ori­en­tieren, sind die mod­er­nen Leinen­taschen der Gegen­wart – nur viel prak­tis­ch­er, durch­sichtiger und vor allem kosten­los! Statt teur­er Tüten von auswärts nehmen wir ein­fach, was die Mül­lab­fuhr uns gnädig dalässt.

Wie stellen sie sich denn so ein Gelb­sack­fest konkret vor?

Mor­gens gemein­sames Aufhän­gen der Säcke an Met­all­stie­len. Mit­tags „Tüöt­ten-Weitwurf“ mit Stoff­beuteln. Nachts das feier­liche Warten auf die Mül­lab­fuhr.

Man feiert das Warten auf die Mül­lab­fuhr?

Natür­lich! Wenn das Fahrzeug kommt und alles ord­nungs­gemäß abholt, ist das ein kathar­tis­ch­er Moment. Reini­gung! Erneuerung! Stadti­den­tität!

Herr Dykschädel … das sind doch ein­fach die Gel­ben Säcke für Plas­tikver­pack­un­gen. Die hän­gen da, damit gesam­melter Müll abge­holt wird.

Details, Herr Trib­büne, reine Kleinigkeit­en! Die Haupt­sache ist die Erzäh­lung. Und die Erzäh­lung lautet: Ibbtown hat wieder ein Wahrze­ichen, das jed­er sofort erken­nt. Kein rauchen­der Schlot mehr, son­dern ein atmender, raschel­nder, gel­ber Baum der Zukun­ft!

Also … kein Kühlturm mehr, son­dern ein Stiel mit Müll­säck­en?

Ein Stiel mit wertvollen, sorten­reinen Sekundär­rohstof­fen! Und wenn wir Glück haben, kommt näch­stes Jahr sog­ar der Gelb­sack­baum XL – mit 240-Liter-Säck­en!

Und Sie glauben ern­sthaft, dass die Bürg­er dieses… Rascheln als Ersatz für das Kraftwerk akzep­tieren?

Herr Trib­büne, ein Schorn­stein raucht nur. Ein Gelb­sack­baum spricht. Er sagt: „Tren­nt euren Müll, wie Ibbo einst die Wahrheit von der Täuschung tren­nte.“

Ich … ich glaube, ich brauche erst mal einen Kaf­fee.

Kaf­fee­bech­er aus Plas­tik? Kommt in den Gel­ben Sack, junger Mann. Willkom­men in der neuen Heimat!

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