Eigentlich sollte es ein fröhlicher Sing- und Radelsonntag werden. Familien sollten durch Ibbtown radeln, Musikgruppen auftreten und die verkaufsoffene Innenstadt beleben. Doch schon am frühen Morgen zeigte sich, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung die Veranstaltung als „Sing- und Radlersonntag“ begriffen hatte. Binnen weniger Stunden waren sämtliche Getränkemärkte von Menschen belagert, die nach Brausebier verlangten. Die Folge: spontane Gesangsdarbietungen an Orten, die dafür weder vorgesehen noch akustisch geeignet waren. Unser Reporter Harald Tribbüne spricht mit Ortspolizist Siegfried Knöllermann.
Herr Knöllermann, wann merkten Sie, dass etwas aus dem Ruder läuft?
Ja nun, so gegen Viertel vor zehn. Da meldete Herr Kistenbrink vom Getränkemarkt Leergut ungewöhnlich hohe Verkaufszahlen bei Radlern. Zunächst dachten wir an gutes Wetter. Dann ging der erste Notruf ein.
Was war passiert?
Herr Sülzmann aus Laggenbeck hatte nach drei geexten Flaschen Radler beschlossen, den Eingangsbereich des Marktes zur Freilichtbühne zu erklären. Er schmetterte sämtliche Strophen von „Du hast mich tausendmal belogen“, obwohl ihn mehrere Passanten darauf hinwiesen, dass er gerade vor einem Pfandautomaten stand, der immer zuverlässig war.
War das bereits der schwierigste Einsatz?
Leider nein. Gegen elf Uhr mussten wir zu einem Schuhgeschäft ausrücken. Frau Klinkenberg hatte die Schuhauslage als Chortribüne missverstanden. Gemeinsam mit ihrem Kegelclub sang sie dort „Nur noch Schuhe an“. Problematisch war, dass sie währenddessen versuchte, den Kunden orthopädische Sandalen als Fanartikel zu verkaufen.
Gab es weitere Vorfälle?
Zahlreiche. Besonders herausfordernd war Herr Borkenfeld. Der hatte sechs Radler konsumiert und anschließend die Rolltreppe eines Kaufhauses für eine Konzerttournee gehalten. Er fuhr über zwei Stunden auf und ab und kündigte jede Fahrt als „Zusatzkonzert für die obere Etage“ an. Gegen Mittag hatten wir einen spontanen Männerchor im Eingangsbereich eines Baumarktes. Angetüdelte Gartenbauer sangen ausschließlich „Wahnsinn“ von Wolfgang Petry. Dreiundvierzig Mal hintereinander.
Wann wurde die Lage kritisch?
Gegen 14 Uhr am Kreisverkehr. Herr Merschkamp hatte den Kreisverkehr zur Open-Air-Arena erklärt. Mit einem Radler in jeder Hand dirigierte er den Verkehr und forderte Autofahrer auf, den Refrain von „Einmal um die ganze Welt“ mitzusingen. Dafür ginge dann die nächste Runde rückwärts. Der Rückstau reichte bis zur nächsten Ampel.
Gab es auch kuriose Einzelfälle?
Frau Pömpers bezog Stellung in einer Bankfiliale und interpretierte dort lautstark „Money, Money, Money“. Das Personal hielt die Situation zunächst für einen Überfall und ein Geiselbefreiungskommando rückte aus, wurde aber am Kreisverkehr aufgehalten.
Wie endete der Tag denn dann?
Relativ friedlich. Gegen Abend waren die meisten Teilnehmer heiser. Herr Borkenfeld verabschiedete sich mit einer letzten Rolltreppenfahrt. Frau Klinkenberg kaufte tatsächlich ein Paar Sandalen. Herr Merschkamp erklärte den Kreisverkehr für geschlossen und Frau Pömpers ist wohl auch bald aus der U‑Haft wieder raus.
Und was ist ihre Bilanz des Tages?
1.200 Radfahrer, 3.400 Radler, 27 spontane Chöre, ein besungener Leergutautomat und ein Kreisverkehr, der kurzzeitig als Kulturstätte galt. Immerhin wurde gesungen.