Dünn sein um jeden Preis – wer durch die sozialen Netzwerke scrollt, stößt immer häufiger auf Inhalte die genau dieses Bild vermitteln: Hungern und extremes Kalorienzählen wird als Lifestyle verkauft.
Patientin: „Unzufriedenheit aus meinem Leben bringen“
Anfangs möchte die heute 21-jährige Jenny (Name von der Redaktion geändert) einfach gesünder leben. Doch nach und nach beginnt sie, ihr Essverhalten immer stärker einzuschränken. Inspiration findet sie dabei vor allem auf Social Media. „Diese Körper, die total perfekt ausschauen. Und da kommt dann dieses Bild, dass man halt das auch gerne möchte, dass man halt dünner sein möchte, sportlicher sein möchte. Und dann habe ich mir gedacht, dass ich durch dieses dünn sein, durch dieses Abnehmen, diese Unzufriedenheit irgendwie aus meinem Leben wegbringe.“, sagt die 21-Jährige im Gespräch mit ORF-OÖ Moderatorin Isabella Köck.
„Zu Beginn habe ich verschiedene Techniken ausprobiert, die man oft auf Social Media sieht. Diese Essenspausen von 16 Stunden zum Beispiel. Oder ich habe eine Zeit lang nur einmal am Tag gegessen.“, so Jenny. Was zunächst harmlos wirkt, entwickelt sich schleichend weiter. Essen, Kalorien und Gewicht nehmen immer mehr Raum in ihrem Alltag ein.
Psychologin: „Todbringende Erkrankung zu Lifestyle bagatellisiert"
Die klinische Psychologin Heidrun Eichberger-Heckmann vom Kepler Uniklinikum in Linz , beobachtet ähnliche Entwicklungen immer häufiger. Soziale Medien würden bestehende Unsicherheiten verstärken und Essstörungen zusätzlich antreiben. Sie hat die 21-Jährige über zwei Jahre lang begleitet. „Man muss sagen, dass Social Media wie ein Brandbeschleuniger wirkt bei der Entstehung von Essstörungen.“
Besonders problematisch sei, dass gefährliche Verhaltensweisen, wie Essstörungen, oft als erstrebenswert dargestellt werden würden. „So wird eine todbringende chronische Erkrankung zu einem Lifestyle bagatellisiert und romantisiert. Das unerträgliche Leid dieser Erkrankung wirkt dann wie ein gesellschaftliches Ideal.“, so Eichberger Heckmann.
Warnzeichen oft schwer erkennbar
Wer sich einmal für solche Inhalte interessiert, bekommt von den Algorithmen häufig immer mehr davon vorgeschlagen. Es entsteht eine Social-Media-Blase, in der Nutzerinnen und Nutzer fast ausschließlich mit scheinbar perfekten Körpern konfrontiert werden.
Für Eltern und Angehörige seien die ersten Warnsignale oft schwer zu erkennen. Denn was zunächst wie gesunde Ernährung oder mehr Sport aussieht, kann sich schleichend verändern.
Die Psychologin rät, aufmerksam zu werden, wenn sich Jugendliche zunehmend zurückziehen. „Wenn sich Jugendliche zurückziehen, soziale Kontakte nicht mehr wahrnehmen und lieber hungern oder Sport betreiben, dann muss man einfach Expertinnen aufsuchen.“, so Eichberger-Heckmann.
Ernährungscoach: ".. Kannibalismus am eigenen Körper"
Das Hauptproblem sei, dass viele Menschen sich mit anderen vergleichen und deren Körper als Maßstab nehmen, sagt Ernährungscoach und Personal-Trainer Christian Putscher. Dabei habe jeder Mensch unterschiedliche genetische Voraussetzungen und Bedürfnisse. Deshalb sei es wichtig, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören.
Kritisch sieht Putscher auch Trend-Diäten, die oft unreflektiert aus sozialen Medien übernommen werden. Wer seinem Körper dauerhaft ein fremdes Ernährungssystem „überstülpt“, schade ihm langfristig. Auch das Trainieren auf nüchternen Magen und der bewusste Verzicht auf Nahrung nach dem Sport – wie es manche Influencer propagieren – sei aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht sinnvoll. Ohne ausreichende Nährstoffe könne sich der Körper nicht an die Belastung anpassen und regenerieren. Das Training werde dann, so Putscher, „überspitzt gesagt zum Kannibalismus am eigenen Körper“.
Im Studiogespräch in der ORF-Sendung „Oberösterreich Heute“ erklärt der Vorstand der Psychosomatik am Kepler-Universitätsklinikum, Michael Barth, dass Magersucht zu den gefährlichsten psychischen Erkrankungen zählt, da die Anorexie „das Leben um 20 Jahre“ verkürzen könne. Besonders gefährlich seien die starken körperlichen Folgen wie Elektrolytverschiebungen und Herzrhythmusstörungen sowie eine erhöhte Suizidalität im chronischen Verlauf der Erkrankung.
Studiogast: Dr. Barth zum Thema „Skinnytok“
Gefährlicher Trend: Von der Sucht, mager zu sein. Magersucht zählt zu den gefährlichsten psychischen Erkrankungen und kann die Lebenserwartung massiv verkürzen.
„Wenn ich dünner bin, bin ich frei..“
Für Jenny war der Weg zurück ein langer. Heute weiß sie, dass das vermeintliche Ziel, durch Gewichtsverlust glücklicher zu werden, eine Illusion war.
„Meine Vorstellung war: Wenn ich dünner bin, bin ich frei oder einfach zufrieden.“ Doch genau das tritt nicht ein. „Im Nachhinein weiß ich, es war eigentlich genau das Gegenteil. Umso dünner und schlanker ich war, umso mehr Angst habe ich gehabt, wieder zuzunehmen. Umso enger ist alles geworden, umso schlechter ist es mir gegangen.“, sagt Jenny. Heute möchte die 21-Jährige anderen jungen Frauen Mut machen, früh Hilfe anzunehmen.
Denn am Ende entscheidet nicht die Zahl auf der Waage darüber, wie gesund ein Mensch ist – sondern wie gut man auf den eigenen Körper hört.