Einige Jahre lebten
wir in Südafrika, mein Mann und ich. Irgendwann zog es uns zurück in die alte
Heimat.
Ende November 1969 gingen wir in Durban an
der Ostküste Südafrikas an Bord der KALAHARI. Ein Frachtschiff, das maximal nur
12 Passagiere mitnehmen durfte. Vorweg: Was wir nicht wussten: der Kapitän war
nur vertretungsweise an Bord, war mit Passagieren keinen Umgang gewohnt. Der
Koch hatte gerade geheiratet und seine junge Frau war auf „Hochzeitsreise“ mit
an Bord.
Dies sollte sich während der Fahrt auch bemerkbar machen. Wir bekamen so viele
Varianten von Mirabellen im Hauptmenü sowie als Dessert und in Saucen serviert,
dass sie uns buchstäblich aus den Ohren heraus hingen. Noch viele Jahre danach mochten
wir keine mehr essen. Blumenkohl z. B. gab es fast jeden 2ten oder 3ten Tag
über einen Zeitraum von 6 Wochen. Deshalb
verhungerten wir zwar nicht, aber etwas abwechslungsreicher hatten wir uns die
Speisekarte schon vorgestellt.

Nun zurück zur Reise von Südafrika nach Bremerhaven. Wir umschifften das
südliche Afrika und legten in Port Elizabeth, East London und in Kapstadt an. In
Kapstadt lag die KALAHARI für einige Tage im Hafen und wir feierten an Bord
auch Weihnachten. Danach ging es weiter nach Walvis Bay, eine Stadt, in der die
Fischindustrie zu Hause ist. Unter dieser infernalischen „Fischgeruchsglocke“
mussten wir das Neue Jahr beginnen! Dieser qualvolle Aufenthalt währte vier ganze
Tage lang. Um diesem wenigstens zeitweise zu entgehen, beschlossen wir in
dieser Zeit per Autostopp nach Swakopmund zu fahren.
Die Crew der KALAHARI hatte
Ausgehverbot, sie wurden gebraucht. Die Mannschaft wollte am Silvesterabend auf
dem Achterdeck grillen, ihnen fehlte aber die Grillkohle. In Walvis Bay war
damals keine zu haben. So erboten wir uns, diese von Swakopmund mitzubringen.
Bis nach Swakopmund klappte es gut mit dem
Autostopp. Wir hatten dadurch die Möglichkeit, uns das kleine aber gemütliche
Städtchen anzuschauen.
Swakopmund war seinerzeit der beliebteste Badeort von Namibia, dem damaligen
Südwestafrika.
Mit einem Sack Grillkohle machten wir uns per Pedes auf den Rückweg. Wir
hofften, dass uns ein Autofahrer auf der Strecke mitnehmen würde. Diese
Hoffnung war leider vergeblich, weit und breit ließ sich niemand sehen.
Wir versuchten im gleichmäßigen Schritt auf dem mit einer dicken Salzschicht bedeckten
Sandweg unter der sengenden Sonne zurück nach Walvis Bay zu wandern. Nach ca.
drei Stunden hatten wir dann doch noch Glück und wir wurden „aufgegabelt“. Der
Fahrer war sehr freundlich und brachte uns bis an unser Schiff. Wir waren aber auch
total k.o. , durchgeschwitzt und durstig.
Dafür war das Silvestergrillen auf dem Achterdeck gesichert. Mein Mann und ich
wurden großzügiger Weise von der Çrew eingeladen mit ihnen zu feiern. Das war
schon ein uriges Event.
Ich erinnere mich gern daran, dass
wir in einer fröhlichen Runde beisammen saßen. Unter anderem sangen wir ein
Lied, zu dem sich jeder schnell den passenden Text ausdenken musste. Wer an der
Reihe war musste dann vorsingen und der Refrain wurde von allen mitgesungen. Da
kamen natürlich auch sehr lustige Texte zusammen.
Die Überquerung des Äquators wurde traditionsgemäß mit einer Taufe gefeiert. Das
Schwimmbassin des Schiffes war defekt, so wurden Wassereimer als Ersatz
genommen ... Es war sehr nass und es gab viel Gelächter und Gekreische.
Ich liebte es, an der Reling zu stehen und die Fische im Meer zu beobachten.
Delphingruppen, die mit ihren lustigen Sprüngen begeisterten oder ein Manta
(Rochen), der eine zeitlang ruhig neben dem Frachter her schwamm oder auch nur,
wenn sich eine Möwe von ihrem Flug an Deck ausruhte.
Es war eine schöne und ruhige Zeit, nicht zu vergleichen mit den großen
Passagierdampfern, auf denen jede Menge Animation geboten wird.
So allmählich kamen wir dem europäischen
Kontinent näher. Wir spürten, dass es kühler wurde. Wir kamen aus dem südlichen
Hochsommer in den europäischen Winter hinein. Dann erreichte uns die Nachricht,
dass im Ärmelkanal ein heftiger Sturm tobte und einige Schiffe in Seenot
geraten waren. Es sollte auch ein Schiffsunglück geschehen sein, bei dem einige
Seeleute vermisst wurden.
Unser Kapitän machte sich große Sorgen. Er hoffte, nicht
ankern zu müssen. Die Nachrichten wurden emsig verfolgt, aber unsere Reise ging
erst einmal weiter.
Als die ersten Ausläufer der Dünung uns erreichten, wurde die verstellbare
Verblendung an den Tischen hochgestellt und eine angefeuchtete Decke aufgelegt.
Das Essgeschirr und die Gläser konnten so nicht ins Rutschen kommen.
Einer der älteren Passagiere, der sein
Pensionärsdasein in seiner alten Heimat UK verbringen wollte, war ein
ausgesprochener Pechvogel. Bei einer plötzlichen Schiffsbewegung verlor er im
Bad sein Gleichgewicht und fiel mit seinem nackten Allerwertesten gegen eine Heizung.
Die Folge war ein gemusterter schmerzhafter Po. Naturgemäß bekam er Sitzschwierigkeiten.
Ein anderes Mal, die Dünung war schon ein bisschen höher, ging er auf den
gedeckten Tisch zu. Gerade war er am Tisch angekommen als der Frachter sich zur
anderen Seite legte. Er wollte sich noch festhalten und griff mit beiden Händen
in das Hauptmenü. Vor lauter Schreck dann anschließend links und rechts in die
Dessertschalen. Das Ergebnis war ein schallendes Gelächter aller Gäste und er
hatte gar keine andere Çhance als mitzulachen. Seine Frau lief unfreiwillig
durch die Messe, dabei schlug sie mit dem Kopf gegen die Vertäfelung. Eine
leichte Gehirnerschütterung war die Folge.
Alles was nicht niet- und nagelfest war wurde nun festgeschnallt. Zum Beispiel
schoss unser schwerer Überseekoffer quer durch die Kabine. Das war schon
beeindruckend, aber es sollte noch schlimmer kommen!
Nach erreichen der Biscaya war der Sturm zwar abgeflaut, doch die Dünung war
noch sehr hoch! Die 10 – 12m hohen Wellen schlugen über Bug und Deck. Die
Passagiere durften nicht mehr an Deck gehen.
Das Hauptproblem war die Ladung, die nicht
ins Rutschen kommen durfte.
Zeitweise hatte die KALAHARI bis zu 34° Schlagseite. Bei 38° wären wir
gekentert. Aufgrund der Art der Ladung wäre dann kaum eine Überlebenschance gewesen.
Das Schiff wäre sofort gesunken. Der
Kapitän und auch der 1. Offizier hatten jedoch alles gut im Griff. Allerdings
waren sie drei Tage und Nächte auf den Beinen. Die Anspannung war riesengroß.
Damit wir nicht aus unseren Betten kullerten, stopften wir Handtücher und alle
Schuhe, deren wir habhaft werden konnten, seitlich unter die Matratzen, so dass
eine Art Wall entstand. Dadurch mussten wir buchstäblich in unsere schmaler
gewordenen Betten klettern.
Ab jetzt gab es nur noch Schiffszwieback als Verpflegung. Kochen war unmöglich
geworden. Der Seegang normalisierte sich erst langsam wieder, als wir den Englischen
Kanal passiert hatten. Diesen letzten Abend an Bord verwöhnte uns der Koch sehr mit einem fürs
Auge und Gaumen guten Dinner.
In Bremerhaven angekommen, bekam der Frachter allerdings keinen eigenen
Anlegeplatz. Er musste längsseits an ein anderes Schiff anlegen. das direkt an
der Kaimauer lag. Es gab somit keine Gangway für uns, über die wir bequem von
Bord hätten gehen können.
Die Seeleute heuerten ab und waren verschwunden,
voran der Koch mit seiner frisch angetrauten Frau. Man verwies uns an die
Schiffahrtsagentur. Zwei Stunden versuchten wir, einen kompetenten
Ansprechpartner zu finden. Endlich gegen 10h erwischten wir jemanden. Leider
wurden wir dann „im Regen“ stehen gelassen. Wir kamen in Bremerhaven bei -15°C
an, hatten keine wirkliche Winterkleidung. Draußen war Eisglätte. Unsere
schweren Koffer mussten wir über eine bessere Hühnerstiege über das andere
Schiff hinweg an Land schleppen. Ein Handy gab es seinerzeit noch nicht. Ich
blieb bei den Koffern und mein Mann suchte irgendwo im Hafen nach einem Telefon
um ein Taxi zu rufen. Weil wir zuviel Gepäck hatten erbarmte sich erst der vierte Taxifahrer und fuhr uns.
Jetzt mussten wir noch durch den Zoll. Wir
schwitzten Blut und Wasser, weil in einem Koffer Felle waren. Diese hatten wir im
Laufe der Jahre zwar legal erworben besaßen dafür jedoch keine Zertifikate. Sie wurden aber zur
Ausfuhr benötigt.
Der erste Koffer wurde geöffnet, dann der
zweite und immer noch fanden die Zöllner nichts. Der dritte Koffer kam an die
Reihe - wieder nichts. Den vierten schenkten sie sich dann. Gott sei Dank! War
noch einmal gut gegangen.
Nach diesen ganzen Unbilligkeiten bei der Ankunft wäre ich am liebsten sofort
wieder zurück geflogen. Als wir dann aber letztlich völlig geschafft gegen 20h in Hamburg eintrafen kam
doch ein riesengroßes Glücksgefühl
in uns auf.
Wir waren wieder in Deutschland!
© by Ingrid Horn