
war mein großvater mütterlicherseits. Heute will ich ihm einen post widmen, sozusagen in memoriam, weil ich glaube, daß er der ärmste teufel in meiner familie war und absolut keine chance hate, ein selbstbestimmtes leben zu führen. Geboren 1893, umgebracht in Dachau. Im vorschulalter hat er beide eltern verloren: die mutter gestorben, der vater hat seine beiden kleinkinder heulend im stiegenhaus zurückgelassen und ist erst nach ca. 70 jahren wieder aufgetaucht, weil er sich von seiner noch lebenden tochter betreuung im alter erhofft hat, was diese aber abgelehnt hat... ("ich habe nie einen vater gehabt", soll sie der magistratsbeamtin gesagt haben, was diese akzeptiert hat.) Die beiden kleinkinder kamen dann auf sog. kostplätze als verdingkinder (s. Wikipedia). Das mädchen hatte "glück", sie kam zu angestellten des kaiserhofes, durfte tagsüber mit der tochter der "herrschaft" spielen, am abend dann silber putzen mit der asche aus dem herd bis sie gleich dort auf dem boden eingeschlafen ist ... wie ein hund. Mein großvater hatte leider pech, kam auf einen bauernhof, wo er es so schlecht hatte, daß er als 15-jähriger schon wieder (wie oft?) einen mißglückten selbstmordversuch hinter sich hatte. Dadurch wurde die kommunistische partei auf ihn aufmerksam, die ihm eine ausbildung ermöglichte (nicht aus idealismus, wie sich später herausstellte...) Er wurde advokatursbeamter in Klagenfurt, ausserdem als zweitberuf friseur (dieser beruf wurde dann im archiv des wiederstandes angegeben, im Google kann man ihn unter seinem namen finden, dort ist auch das einzige foto von ihm, das ich noch "habe"). Er hielt auf der straße reden für die KP, was meiner großmutter sehr peinlich war ( in einer stadt wie Klagenfurt und als bankbeamtin hatte sie es in ihrer umgebung dadurch nicht leicht...). Er wurde geheimagent der KP und ging in der folge sehr viel auf reisen, anfangs mit guten aufträgen, logierte er in den besten hotels in Kalifornien und in St. Moritz, wo er angeblich die nötigen kontakte knüpfte. Auf sich allein gestellt, musste er oft sich selbst versorgen indem er tote frisierte (wie er die kunden gefunden hat, weiß ich nicht, die schere habe ich noch, jetzt verwende ich sie für meine locken und denke dabei oft auch an ihn).
Auf jeden fall hat er irgendwann selbständig zu denken begonnen und wollte aufhören mit der geheimdiensttätigkeit. Das war in Spanien. Auf seinen diesbezüglich geäußerten wunsch führte man ihn in einen keller mit sog. unfallopfern, die dort aufgebahrt waren, bis zur unkenntlichkeit zugerichtet... er hat verstanden... kämpfte dann als spanienkämpfer unter general Franco, war dann auf der flucht mit der ganzen armee (oder was davon noch übrig war) über die Pyrenäen und in die "obhut" der franzosen. Die wollten sich mit den deutschen gut stellen und "schenkten" ihre "schützlinge" den nazis, die dann alle in den verschiedenen KZs "versorgten". Mein großvater wurde verhört und machte probleme, weil er ein "steher" war, also hat er ein bein "verloren", bevor er in das gas geschickt worden ist. Zwischendurch gelang es ihm, nach hause zu kommen (bevor er in spanien gekämpft hat), so hatte er auch gelegentlich kontakt zu meiner mutter. Er hinterließ ihr einen satz als vermächtnis: "Kind, lass dich NIE in politik ein...". Die KP ließ ihn fallen, weil er eine sehr auffallende erscheinung war und dadurch irgendwann zu bekannt (sehr groß, auffallend tiefe und angeblich angenehme stimme, alle sollen sich nach ihm umgedreht haben, wenn er einen raum betreten hat und irgendwas gesagt hat, also unmöglich für den job). Die aufträge wurden immer mieser und gefährlicher, sie wollten ihn einfach loswerden, gaben keine unterstützung mehr, daher der wunsch aufzuhören... (s.o.)
Man kann sagen, geheimdienststätigkeit ist nur in den filmen interessant, die realität ist fürchterlich, es gibt keine fairness oder anständige bezahlung, man wird einfach "verbraucht" und vergessen, er hat nicht einmal ein grab bekommen. Meine großmutter mußte für die verbrennung bezahlen und eine urne mit dubiosem inhalt abholen, als sie seine uhr haben wollte (andenken), sagte ihr der beamte, sie würde auch gleich "da drin" sein und zeigte auf die urne... nun ja, sie hat die urne am zentralfriedhof bestatten lassen, aber die wahrscheinlichkeit, dass da was von ihm drin ist, ist minimal...